Und er liebt sein Leben trotzdem

Die Bestsellerverfilmung «Il colibrì» mutet seinem Publikum mächtig viel zu: emotional und intellektuell. Ein Glück, dass der einmal mehr alles überragende Pierfrancesco Favino sich als Fels in der dramaumtosten und komplexkonfusen Brandung erweist.

Filmcoopi

von Sandro Danilo Spadini

Bisweilen ist das Leben ein Rätsel. So viel Schmerz und Schmach, so viel Verlust und Verrat, so viel Entbehrung und Enttäuschung, so viel Lug und Trug, so viel Tod und Trauer – und trotz alledem ist er noch immer da, steht Dottore Marco Carrera (Pierfrancesco Favino) fast stoisch und unbeirrt sanftmütig mit beiden Beinen auf dem harten Boden der Realität, tut, was er kann, tut, was er muss, tut auch, wonach ihm ungeachtet all der Heimsuchungen tatsächlich noch immer der Sinn steht: weiterleben. Aber was hat dieser Mann aus reichem florentinischem Hause, dessen Leben in Francesca Archibugis «Il colibrì» von der Kindheit bis zum Tod mosaikhaft zusammengesetzt wird, was hat also dieser es stets allen ausser sich selbst recht machen wollende Mann nicht alles erlitten: Die Schwester (Fotinì Peluso) hat sich das Leben genommen, als sie 24 Jahre alt war – hat sich im Urlaub auf dem gediegenen Familienanwesen in jener Vollmondnacht im Meer ertränkt, in der sich Marco unsterblich in die französische Nachbarstochter Luisa verliebt hat. Doch diese Luisa (Bérénice Bejo), an die er jeden Tag seines restlichen irdischen Daseins denken wird, wird sodann aus seinem Leben verschwinden und erst wieder auftauchen, als darin eigentlich kein Platz mehr für sie ist. Denn längst ist Marco verheiratet mit Marina (Kasia Smutniak), einer einstigen slowenischen Flight-Attendant, die er deshalb einst als seine Seelenverwandte ausgemacht hatte, weil sie wie er selbst dank einer Laune des Zufalls – des Schicksals! – ausserplanmässig nicht an Bord eines Flugzeugs war, das später abstürzte. Doch Marco ist nicht restlos glücklich mit Marina, und Marina ist schon gar nicht glücklich mit ihm. Ohnehin fusst ihr Zusammensein auf einer Lüge, denn wie sich weisen wird, sagt Marina notorisch die Unwahrheit und verweigert sich konsequent der Wirklichkeit, wenn ihr diese zu unangenehm wird. Gestraft mit einer labilen Psyche und verhärtet durch eine recht boshafte Persönlichkeit, macht sie das Familienleben noch unerspriesslicher, als es jenes von Marcos Eltern (Laura Morante und Sergio Albelli) seit je war und noch immer ist. So schlimm ist es gar, dass nicht nur Tochter Adele (Benedetta Porcaroli) seelischen Schaden nimmt, sondern eines Tages sogar Marinas Psychiater (Nanni Moretti) bei Marco in der Praxis auftaucht und ihn dringend warnt: Er sei in grosser Gefahr, Marina sei ausser Kontrolle, und er müsse ihm nun einige Fragen stellen, teils auch intime.
 
Verwirrliche Zeitsprünge
 
Die zunächst ziemlich mysteriös anmutende Szene mit dem Psychiater, angesiedelt direkt nach der Auftaktsequenz mit der schicksalshaften Vollmondnacht in den Familienferien, entpuppt sich als taugliches Vehikel, um das Folgende, all das viele Folgende, mit ein wenig Hintergrundinformation zu unterfüttern. So erfahren wir etwa, dass Marco von seiner Mutter «Colibrì» genannt wurde, weil er für sein Alter so klein war, und dass er von seinem Vater, der ansonsten «einen Scheissdreck» zu melden hatte, im Alter von 14 Jahren zu einer Hormonkur nach Milano geschickt wurde, in deren Folge er innerhalb von acht Monaten um 16 Zentimeter wuchs. Wir hören hier auch, dass Marco noch immer in Luisa verliebt ist und unlängst wieder Kontakt mit ihr aufgenommen hat. Und wir vernehmen schliesslich, dass er seine Frau trotzdem nie betrogen hat. Das gibt uns zumindest in Bezug auf die Hauptfigur, um die es hier einzig und allein gehen soll, schon einmal etwas an die Hand und wird uns dabei helfen, zu verstehen, dass seine Frau es nicht als Kompliment meint, wenn sie ihn einen Heiligen, «una bella persona», nennt. Freilich wären Orientierungshilfen dieser Art auch im weiteren verworrenen Verlauf dieser werkgetreuen, knapp zweistündigen Adaption des Bestsellers von Sandro Veronesi hochwillkommen. Denn ähnlich, wenn auch nicht so grazil wie die Serie «This Is Us», in der noch fein- und tiefsinniger generationenumspannend über die Purzelbäume des Lebens und der Liebe sinniert wird, hüpft auch «Il colibrì» mittels Vor- und Rückblenden auf der Zeitachse hin und her, dies indes noch schneller und verwirrlicher, als es jüngst in Paolo Genoveses «Supereroi» der Fall war, noch so ein italienischer Film, der mit Drama nicht spart und es darauf angelegt hat, einem mit voller Wucht das Herz zu zerfetzen.
 
Stil- und selbstbewusste Inszenierung
 
Die Zeit- und Ortswechsel – Schauplätze des Geschehens sind die Provinz Grosseto, Firenze, Roma und Paris – sind dabei so wild und wirr geraten, dass sie nicht nur das Verständnis mal mehr, mal weniger stark beeinträchtigen; sie verhindern auch, dass man sich «einleben» könnte, dass das Drama emotional vollends durchbricht und einen derart in Bann zieht und in Beschlag nimmt, wie es dem Geschehen angemessen wäre. Natürlich geht es Regisseurin und Drehbuchautorin Francesca Archibugi («Vivere») hier nicht darum, die biografischen Eckdaten dieses Marco Carrera in chronistischer Weise abzuarbeiten, sondern darum, was all die Unbilden mit diesem Mann machen: mit ihm als Sohn, als Bruder, als Ehemann, als Vater, als Nonno, als Freund, als Geliebter. Und deshalb ist es auch einen Versuch wert, all den Kummer und all die Katastrophen gleichsam von allen Seiten auf ihn einprasseln zu lassen, statt in linearer Abfolge stetig an seiner Zermürbung zu arbeiten. Es ist das allerdings trotz Archibugis ruhiger, stil- und selbstbewusster Inszenierung ein Konzept, das auf dem Papier besser funktioniert als auf der Leinwand. Dass der Versuch nur knapp scheitert, dafür sorgt am Ende der einmal mehr alles überragende (und die viel zu affektierte Kasia Smutniak und den gewohnt steifen Nanni Moretti weit überstrahlende) Pierfrancesco Favino («Notalgia», «Gli anni più belli»), dieser so unfassbar facettenreiche Superstar des italienischen Kinos und grösste italienische Schauspieler seiner Generation. Er erweist sich als Halt und Orientierung gebender Fixpunkt in diesem (Gefühls-)Chaos, als uneingeschränkter Sympathieträger und unerschütterliche Identifikationsfigur inmitten all dieser zwiespältigen Irrungen und Wirrungen, als verlässlicher Fels in dieser dramaumtosten und komplexkonfusen Brandung.