Wenn die Witwen Waffen tragen

Ein Killer von einem Thriller! «Widows» von Regisseur Steve McQueen und Autorin Gillian Flynn ist zeitkritisch und sozialrealistisch – und dabei wie aus einem Guss und packend bis zum Schluss.

 

von Sandro Danilo Spadini

Theoretisch ist das kein sehr zeitgemässes Bild: dass die Frauen hinter ihren Männern aufräumen müssen. Praktisch jedoch kann das ziemlich subversiv sein, und ganz konkret im Fall von Steve McQueens «Widows» ist es nicht nur das, sondern noch viel mehr. Wahrlich einen Scherbenhaufen haben die vier Halunken um den kriminellen Mastermind Rawlings (Liam Neeson) da hinterlassen mit diesem vermeintlich letzten grossen Coup. Zwei Millionen Dollar haben sie vom schwarzen Gangsterboss Manning (Brian Tyree Henry) und dessen psychopatischem Bruder Jatemme (Daniel Kaluuya) gemopst; doch dann kamen die Bullen und ballerten so lange auf die Fluchtkarre, bis diese mitsamt Dieben und Raubgut in Flammen stand. Zimperlich ist anders, aber hey, das ist halt Chicago. Und eben weil das Chicago ist, ist alles noch ein bisschen verworrener. Manning nämlich hatte sich diese zwei Millionen für den Übertritt in ein redliches Leben reserviert. Oder für das, was in Chicago noch etwas knapper als sonst wo als das durchgeht: für den Sprung in die Politik und daselbst auf den Thron eines Bezirks, den seit 50 Jahren die irischstämmige Familie Mulligan besetzt; und weil der greise Patriarch Tom (Robert Duvall) alles daransetzt, dass das auch so bleibt und sein Sohn Jack (Colin Farrell) nicht der erste Mulligan wird, «der gegen einen Nigger verliert», wäre dieser abhandengekommene Zaster jetzt dienlicher denn je.

Nicht ihre Welt? Von wegen!

So, das wäre die Auslegeordnung, die Starregisseur McQueen und Starautorin Gillian Flynn («Gone Girl») im Prolog machen. Wie gesagt: ein Scherbenhaufen. Und nun also kommen die Frauen oder besser: die Witwen ins Spiel. Denn Manning ist jetzt nicht der Typ, der so eine Sache auf sich ruhen liesse. Vielmehr kreuzt er bei Rawlings’ Witwe Veronica (Viola Davis) auf und gebietet ultimativ: Das Geld sei ihm zu ersetzen, egal wie, aber subito. Und weil Manning auch nicht der Typ ist, der in solchen Dingen zur Pläsanterie neigt, fasst sich Veronica ein Herz und einen Plan: jenes Ding durchziehen, das ihr Gatte dann auch noch drehen wollte, und zwar mithilfe der drei übrigen Witwen – der patenten Linda (Michelle Rodriguez), die wegen der Schulden des Gemahls ihr Geschäft verloren hat und sich um das Wohl ihres Kindes sorgt; der feschen Alice (Elizabeth Debicki), die vom Mann verprügelt wurde und der Mutter in die Prostitution getrieben wird; und Amanda (Carrie Coon), von der man wenig weiss und die dann auch abseitsbleibt. «Das ist nicht Ihre Welt», wird Veronica bald einmal beschieden – und selbst denkt man: ist eigentlich auch nicht die Welt von Steve McQueen, dem britischen Künstler, der vor zehn Jahren zum Kino kam und mit «Hunger» ein Knastdrama, mit «Shame» ein Sexdrama und dem Oscar-Gewinner «12 Years a Slave» ein Sklavendrama drehte. Doch was sich wie eine gmögige Gaunergaudi im «Selbst ist die Frau»-Stil anhören mag, wächst sich unter McQueens wachsamem Auge und scharfem Sinn zu einem Killer von einem Thriller aus: Wie eine verdichtete Staffel von «The Wire» kommt sein Viertling daher, der auf einer britischen Miniserie aus den 80ern von Lynda La Plante basiert.

Trotzdem ein Krimi

Auf die Leinwand gepurzelt ist so auch ein düsteres Sittenbild des im Kino sträflich unterrepräsentierten Molochs Chicago mit seinen Rowdys und Rabauken, Rebellen und Revoluzzern, die sich zwischen Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft aufreiben und am Ende dann doch alle mitspielen. Doch damit nicht genug; McQueens Blick – nie schwarz, nie weiss, sondern immer grau wie der Smog über Chicago – schweift weiter, über die Stadtgrenze hinaus und auf die Brennpunkte und Brandherde eines Landes am Rande des Nervenzusammenbruchs: #MeToo, Black Lives Matter, Trumpismus, Klassenkampf, Polizeigewalt, Waffengesetze, Wahlmanipulation – all das packt McQueen auch noch irgendwie mit rein. Und der Clou: Ob der ganzen sozialrealistischen Zeitkritik, die er in Tiraden und Predigten einwickelt und bis auf einige Kamerapirouetten in eine fast klinisch nüchterne Bildsprache verpackt, vergisst er nie, dass er hier einen Krimi filmt. Ein Wunder ist das nicht; schliesslich steht ihm Genrespezialistin Flynn als Co-Autorin bei, die quasi zum Ausgleich eine Prise Pulp einstreut und auch hier einen charakteristischen Twist parat hat, der den Atem stocken, einen aber nicht stutzen lässt. So solls sein, so ist auch alles andere in diesen 129 Minuten: nahezu perfekt. Und über die exquisite Darstellerriege mit der stets spektakulär gewandeten Viola Davis an der Spitze haben wir jetzt gar noch nicht geredet!