Teufel aus der Maschine

«Weiter, immer weiter!», heisst es für den wie eh und je blendend aufgelegten Tom Cruise auch im siebten Teil der «Mission: Impossible»-Reihe, die ihren Status als Goldstandard des Actiongenres zementiert. Denn wie in den phänomenalen Vorgängern verfährt Regisseur Christopher McQuarrie auch in «Dead Reckoning Part One» nach dem Motto: «Grösser, immer grösser!»

Paramount Pictures

von Sandro Danilo Spadini

Den armen James haben sie über die letzten Jahren ja dermassen verheizt und gerade auch emotional geschlissen, dass es ihn am Ende dann doch tatsächlich dahingerafft hat. Und auch um den unmöglichen und eigentlich doch unverwüstlichen Agenten Ethan Hunt (Tom Cruise) musste man sich am Schluss des stupend strapaziösen und verdammt phänomenalen sechsten Teils der «Mission: Impossible»-Reihe ein wenig Sorgen machen, so ausgelaugt wie er dort dalag. Doch keine Sorge: Diese Müdigkeit war bloss vorgetäuscht. Oder andernfalls ist sie längst überwunden – Zeit, sich zu sammeln und wieder zu Kräften zu kommen, war dank der pandemiebedingt in die Länge gezogenen Dreharbeiten zu «Dead Reckoning Part One» jedenfalls genug. Ein Ethan Hunt in Hochform ist aber auch vonnöten. Denn für den siebten Teil der vor 27 Jahren gestarteten Franchise wurde der Einsatz noch einmal erhöht: Dieses Mal steht recht eigentlich unsere Existenz auf dem Spiel – «die Wahrheit selbst, wie wir sie kennen». So wird das verkündet, und das in einem Tonfall, dessen Dramatik und Bedeutungsschwere sich hernach grad nochmals steigern. Mit gutem Recht, muss man leider konstatieren. Schliesslich ist das, was die versammelte US-Geheimdienstelite im insgesamt stattliche 28 Minuten dauernden Prolog ausführt, wahrhaft gruselerregend und das Realität gewordene Schreckensszenario zeitgenössischer Zukunftsforschung: Eine ausser Kontrolle geratene und seine Erschaffer immer mehr abhängende künstliche Intelligenz ist drauf und dran, ins weltweite Nachrichtendienstnetz einzudringen und die Informationen und damit eben die Wahrheit nach ihrem Gusto zu modellieren. Es ist ein «gottloser, staatenloser, unmoralischer Feind», der in unserer digitalisierten Welt «seit Jahren alles mitgesehen und mitgehört hat». Ein Feind, der «überall und nirgends ist». Und eine sogenannte Entität, die jenem, der sie nutzbar zu machen versteht, unvorstellbare, unverrückbare Macht verleiht.
 
Monumentales Wettrennen und epischer Kampf
 
Wenn es also einem zuzutrauen ist, diese Entität im wahrsten Wortsinn auszuschalten, dann ist das Ethan Hunt. Das freilich ist nicht seine Mission. Vielmehr geht es seinen Vorgesetzten darum, die Maschine zu kontrollieren und so diese unantastbare Weltherrschaft zu erlangen. Weil aber Hunt schon immer durch sein unberechenbares Benehmen aufgefallen ist und er ohne den Hauch eines Zweifels einer der Guten ist, wird er sich diesem Wunsch nicht fügen. Und weil die Amerikaner selbstredend nicht die Einzigen sind, die die Entität zu greifen und in den Griff zu bekommen suchen, wird sich über die 163 Minuten Spieldauer von «Mission: Impossible Dead Reckoning Part One» ein monumentales Wettrennen um zwei den Teufel aus der Maschine eliminierende Schlüssel entfalten und ein epischer Kampf entspinnen, der aber notabene nur der Anfang sein soll – das «Part One» im Titel kündet es an. Seine Jagd führt Hunt zunächst in die arabische Wüste, wo wir nicht nur Zeugen eines ersten geradezu gespenstischen Actionschauspiels werden, sondern auch schon die erste «Schlüsselspielerin» antreffen: die ehemalige MI6-Agentin Ilsa Faust (Rebecca Fergusson), seine Verbündete aus den letzten beiden Teilen. Wie nicht anders zu erwarten stand, haben es auch die weiteren Schauplätze und die sich dort abspielenden Scharmützel und abgefackelten Feuerwerke in sich: Am Flughafen von Abu Dhabi tritt die Trickbetrügerin Grace (Hayley Atwell) auf den Plan, die Hunt auch in Rom bei einer (irr)witzigen Verfolgungsjagd das Leben nicht gerade einfacher machen wird. In Venedig dann buhlt mit dem so mysteriösen wie diabolischen Gabriel (Esai Morales) ein Mann aus Hunts älterer und mit der Waffenhändlerin Alanna (Vanessa Kirby) eine Frau aus seiner jüngeren Vergangenheit um den Schlüssel zur Macht. Und im und nicht zuletzt auf dem Orient-Express kommt es in den österreichischen Alpen schliesslich zu einem Showdown mit (fast) allen Haupt- und Nebendarstellern, mitsamt Hunts Vorgesetzten Kittridge (Henry Czerny) und Delinger (Cary Elwes), Gabriels wildwütiger Kampfamazone Paris (Pom Klementieff), den stets einen Schritt zu spät kommenden CIA-Agenten Briggs (Shea Whigham) und Degas (Greg Tarzan Davis). Im Hintergrund mit von der Partie sind natürlich auch wieder Hunts treue Verbündete Benji (Simon Pegg) und Luther (Ving Rhames). Sie indes waren auch schon mal eine grössere Hilfe – der Entität sei Undank.
 
Deshalb gehen wir noch ins Kino
 
«Weiter, immer weiter!», heisst es für Ethan Hunt auch in diesem überlebensgrossen und mutwillig aberwitzigen neuen Abenteuer, das zwar opernhafte Opulenz im vertrauten Bond-Modus zelebriert, es dabei aber schafft, gleichzeitig immer wieder frisch und originell zu wirken. Und mit einer «Grösser, immer grösser!»-Attitüde zementiert Regisseur Christopher McQuarrie, der die Reihe nach seiner Zepterübernahme im fünften Teil auf ein nochmals höheres Niveau gehievt hat, den Status der Reihe als Goldstandard des Actiongenres. Das «Besser, immer besser!» verpasst «Dead Reckoning Part One» indes – wenn auch nur knapp, was angesichts der überragenden Qualität des Vorgängers ohnehin keine Schande ist. Was es an Kritik zu üben gibt, ist wohl nachgerade krämerisch, doch der Vollständigkeit halber sei dezent moniert, dass die Ergänzung des Ensembles durch Hayley Atwell («Captain America») keinen nennenswerten Mehrwert generiert und dass manche Dialogzeile gar gewichtig und gewaltig geraten ist, was allerdings durch ein schelmisches, bisweilen auch selbstironisches Augenzwinkern gebrochen wird. Es sind das aber wirklich nur ganz feine Haare in der Suppe, denn überkompensiert werden diese minimalen Mankos durch eine ganze Reihe von furios-fulminant choreografierten Actionspektakeln, einen bei aller bombastischen Abstrusität cleveren und unbedingt bedenkenswerten Plot, der die Risiken künstlicher Intelligenz smart adressiert und sich spielerisch zunutze macht, und abermals durch einen Tom Cruise, der so blendend aufgelegt ist wie eh und je. Verwundern darf das nicht, scheint diesem ewigen Jungbrunnen derzeit doch selbst für seine Verhältnisse einfach alles zu gelingen: Mit «Top Gun: Maverick» belebte der 61-Jährige im letzten Sommer auf maximal adäquate Weise ein dreieinhalb Dekaden altes Pop-Phänomen neu und landete den Kinohit der Saison; und mit «Dead Reckoning» dürfte er zwölf Monate später das gleiche Kunststück vollbringen: einen Blockbuster der alten Schule landen, der verdientermassen das Interesse an einer 27 Jahre alten Franchise aufrechterhält und die stärkstmöglichen Argumente liefert, weshalb wir eigentlich doch noch ins Kino gehen sollten. Und wiewohl dieser fast dreistündige erste Teil einen halbwegs runden und schlüssigen Abschluss hat, ist da bereits längst die Neugierde und Vorfreude auf «Part Two» in uns geweckt. Mit diesem wird Cruise im nächsten Sommer dann wohl der Hattrick gelingen. Oder möchte wirklich jemand ernsthaft daran zweifeln?