Darf nicht sein – kann nicht sein

Jordan Peeles Sci-Fi-Horror-Spektakel «Nope» hat seine Momente, keine Frage – ist visuell, atmosphärisch und auch schauspielerisch top. Doch dem Hype, der um ihn veranstaltet wurde, wird der überladene Drittling des Kritikerdarlings nicht ganz gerecht.

Universal

von Sandro Danilo Spadini

Spielberg, natürlich. Der muss immer als Erstes genannt werden, wenn am Kinohimmel irgendwas Unidentifizierbares rumlungert. Und ja: «Nope», der mit gehypter Hochspannung erwartete dritte Streich des schier kultisch verehrten afroamerikanischen Horrorzampanos Jordan Peele, borgt sich dermassen viel von «Close Encounters of the Third Kind» (und zumal konzeptionell von «Jaws»), dass das fast schon als Hommage an das Werk des «Master of Nonsense» durchgeht. Doch recht eigentlich drängt sich hier noch mehr der – nicht ganz so schmeichelhafte – Vergleich mit einem anderen Kollegen auf: dem längst mehr belächelten denn bewunderten M. Night Shyamalan. So wie dem gebürtigen Inder vor über 20 Jahren nach dessen monströsem Überraschungshit «The Sixth Sense» liegt Hollywood heute dem aus dem Comedyfach kommenden Peele andächtig-ehrfürchtig lauschend zu Füssen; und wie damals Shyamalan scheint auch der 43-jährige New Yorker allzu verschwenderisch umzugehen mit den Freiheiten, die ihm so freudig gewährt werden, seitdem er mit dem sozialkritischen Horrorthriller «Get Out» (2017) die Grenzen des Genres gesprengt und in doch durchaus unerwartete Gefilde verschoben hat. Schon der Zweitling «Us» (2019), so gut aussehend er auch daherkam, kränkelte an einem unterentwickelten, unfokussierten Skript. Doch in «Nope», seinem mit einem Budget von 68 Millionen Dollar mit Abstand teuersten Streifen bis dato, legt Peele nun sogar noch mal eine Schippe drauf und überfrachtet die Geschichte mit derart vielen unausgegorenen Ideen, dass es für zwei Filme gereicht hätte.

Pferde, Affen, Aliens

Dass es in der von ihm inszenierten, geschriebenen und produzierten Sci-Fi-Horror-Show um UFOs geht, lässt nun ebenfalls reflexartig an Shyamalan und dessen krachend abgestürzten Drittling «Signs» denken – dies umso mehr, als im Vorfeld auf ähnlich kryptische Weise die Erwartungshaltung hochgejazzt wurde. Aber immerhin darf in diese Richtung Entwarnung gegeben werden: «Nope» ist keinesfalls ein solcher Rohrkrepierer, visuell gar ein veritables Gustostückerl, atmosphärisch dicht und obendrein schauspielerisch überaus ansprechend. Für Letzteres sind zuvörderst Keke Palmer («Hustlers») und Peeles «Get Out»-Protagonist Daniel Kaluuya besorgt. Sie geben das Geschwisterpaar Emerald «Em» und Otis Jr. «OJ» Haywood, das auf einer abgelegenen Ranch in der kalifornischen Wüste Pferde für Kino- und Fernsehproduktionen trainiert. Seit dem mysteriösen Tod des Vaters (Keith David), dem eine aus heiterem Himmel runtergeschossene 5-Cent-Münze den Augapfel durchbohrt hat, geht es mit dem Geschäft bergab. Ja so schlimm steht es um die «Haywood Hollywood Horses», dass man die Pferde nach und nach dem ehemaligen Kinderstar Ricky «Jupe» Park (Steven Yeun) verscherbeln muss. Jupe, dessen TV-Karriere einst ein jähes Ende fand, nachdem ein Schimpanse am Set Amok gelaufen und seine Co-Stars totgeprügelt hatte, betreibt in der weiteren Nachbarschaft einen kitschigen Wildwest-Themenpark; und auch ihm ist bereits aufgefallen, dass sich am Himmel über ihm seltsame Dinge abspielen. Doch seltsam muss nicht zwingend schlecht sein – denken sich zumindest der geschäftstüchtige Jupe, der das ausserirdische Treiben in seine Shows einbauen möchte, und die energiegeladene Em, die das unidentifizierbare Objekt da oben mithilfe eines Tech-Freaks (Brandon Perea) und eines Star-Kameramanns (Michael Wincott) auf Film zu bannen und damit dann bei Oprah und einem Millionenpublikum vorstellig zu werden gedenkt. Nur OJ, ein lakonischer und etwas lethargischer Bursche, bleibt meistens cool und dabei halbwegs ungläubig. Denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Und so kommentiert er das zusehends wirrere Geschehen vor seinen grossen und so ungemein ausdrucksstarken Augen denn auch nur einsilbig: «Nope.»

Atemberaubend unterwältigend

Keine Frage: Das ist alles sehr gewitzt, was Peele hier anschneidet. Die Medienkritik mag dieses Mal zwar ziemlich dick aufgetragen sein, derweil im Gegenzug die Figuren etwas zu dünn geraten sind und sich zwischen den individuell klasse aufspielenden Daniel Kaluuya und Keke Palmer nicht wirklich eine geschwisterliche Chemie einstellen will. Dafür gibts wieder gescheite Gedanken zu gesellschaftlichen Missständen und die eine oder andere Prise schwarzen Humor. Und was sein (in Horgen geborener) niederländischer Kameramann Hoyte van Hoytema sowohl in der Weite der kalifornischen Wüste als auch in der Enge eines Filmsets auf die Leinwand zaubert, ist beinahe so atemberaubend wie die Kunstwerke, die er sonst für Christopher Nolan («Tenet», «Dunkirk», «Interstellar») kreiert. Das Problem von «Nope» ist, dass viele der cleveren Ideen ins Leere laufen – und das mitnichten so charmant und elegant wie in Paul Thomas Andersons «Licorice Pizza» oder Quentin Tarantinos «Once Upon a Time… in Hollywood». Was am Ende davon übrig bleibt, vermanscht und vermatscht sich zu einem Mischmasch, das intellektuell eher unterwältigend ist und einen noch glauben lässt, Peele gehe es hier gar nicht so sehr um die «Botschaft». Manche seiner fanatischsten Jünger und willfährigsten Anbeterinnen mögen das nicht wahrhaben wollen und trotzig die Augen vor der profanen Wahrheit verschliessen – ganz so wie OJ im Film: darf nicht sein – kann nicht sein. Doch ist halt tatsächlich möglich, dass es dem woken Wunderregisseur in «Nope» wichtiger war, sein Publikum zu unterhalten. Und das ist ihm mit dieser überlangen, aber suspensegeladenen und spektakulären Talentprobe dann doch ziemlich gut gelungen.