Plötzlich Traumtyp

Die Satire «Dream Scenario» ist nicht nur herrlich absurd; sie hat auch einiges zu sagen über die Verwüstungen von Social Media und Cancel-Culture – und vor allem hat sie einen Nicolas Cage in komödiantischer Paradeform.

Zar Amir-Ebrahimi im Film Holy Spider

Frenetic

von Sandro Danilo Spadini

Paul Matthews (Nicolas Cage) ist wahlweise ein Niemand, wenig heldenhaft, überhaupt nicht bemerkenswert, eigentlich ziemlich langweilig oder ein Verlierer – kommt drauf an, wem man zuhört oder zuschaut. Was sein alter Schulfreund (Dylan Baker), seine Töchter (Lily Bird und Jessica Clement), seine Frau (Julianne Nicholson), seine Studis und seine Berufskollegin (Paul Boudreau) aber allesamt bestätigen würden: Dieser glatzköpfige, unförmige Professor für evolutionäre Biologie ist sicher kein Traumtyp. Und daher ist es grad noch verblüffender, dass ausgerechnet er im Mittelpunkt eines bizarren Phänomens steht – dass es tatsächlich dieser Paul Matthews ist, der auf einmal in den Träumen nicht nur ihm bekannter, sondern auch wildfremder Menschen auftaucht. Zwar ist es nicht so, dass Paul darin irgendetwas von Belang tun würde; recht eigentlich steht er in der Regel einfach tatenlos rum, während den Träumenden gerade Spektakuläres widerfährt. Aber natürlich reicht diese «Traumepidemie» aus, damit aus Paul, diesem ehedem von allen nur registrierten oder geduldeten oder ignorierten oder bemitleideten Kerl, im Nu eine Internetsensation wird. Oder um es in den Worten eines Werbefuzzis (Michael Cera) auszudrücken: der derzeit interessanteste Mensch der Welt. Und nicht minder natürlich ist es, dass Paul sich schon auch ein klein bisschen geschmeichelt fühlt und diese neue Aufmerksamkeit geniesst: «So, so, dann bin ich jetzt also endlich cool», meint er zur Tochter. Zwar betont er, dass er vor allem nach Anerkennung für seine Arbeit strebe und er diesen Rummel nicht suche. Aber gegen die Versuchungen und Verlockungen des plötzlichen Ruhms ist auch er nicht gefeit – und schon gar nicht gegen die Verwerfungen und Verwüstungen, die über jene hereinbrechen, denen die Online-Community die Liebe aufkündigt. Denn wie es sich anfühlt, gecancelt zu werden, wird dieser unwahrscheinliche Traumtyp noch früh genug erfahren – ohne jedes eigene Verschulden.
 
Die ganz grosse Nicolas-Cage-Show
 
Es ist eine herrlich absurde Idee, die der junge norwegische Regisseur und Drehbuchautor Kristoffer Borgli («Sick of Myself») da in seiner Satire «Dream Scenario» umgesetzt hat – eine jener grandios-gloriosen Schnapsideen, die den verschroben-verworrenen Hirnwindungen eines Charlie Kaufman («Being John Malkovich», «Eternal Sunshine of the Spotless Mind») entspringen könnten und sodann von Leuten wie Michel Gondry oder Spike Jonze visualisiert würden. Die Verknüpfung liegt umso näher, als mit Nicolas Cage hier ein Superstar zu komödiantischer Paradeform aufläuft, der sich einst mit seiner Doppelrolle im Kaufman-Werk «Adaptation» seine zweite und bis dato letzte Oscar-Nominierung erspielt hatte. Dass es Cage noch immer kann, hat er trotz einer nicht mehr zu überblickenden Flut von zumeist absolut vernachlässigbaren Billigproduktionen immer wieder mal bewiesen – etwa in «Pig» oder «The Unbearable Weight of Massive Talent»; dass er es noch dermassen gut kann, wie er es nun in seinem ziemlich genau 100. (!) Film demonstriert – das indes kommt dann doch ein wenig unerwartet. Bei aller unbestrittenen Cleverness, die «Dream Scenario» offeriert, ist dies denn auch zuvörderst die ganz grosse Nicolas-Cage-Show. Und die gewaltige Präsenz des in so ungewohnt unglamouröser Aufmachung auftretenden Stars ist es dann auch immer wieder, die einen ein Auge zudrücken und darüber hinwegsehen lässt, wenn es für einmal doch nicht ganz so weltbewegend ist, was Borgli da zu den sozialen Medien und den von diesen losgetretenen Massenhysterien und kollektiven Traumata vom Stapel lässt. Denn so schräg, schlau und konsequent unterhaltsam dieser Film auch ist: Am Ende ist er vermutlich nicht ganz so smart, wie er meint, und einen Tick weniger originell, als er sein möchte.
 
Und dann auf einmal nicht mehr putzig
 
Was hingegen überaus erfrischend ist: in welch gelassenem Ton (und naturalistischem Look) Borgli die wüstesten und groteskesten Auswüchse unseres aus den Fugen geratenen Social-Media-Zeitalters entlarvt. Da ist mithin nichts Anklagendes dabei, wenn er augenzwinkernd vorexerziert, wie das Phänomen Paul instrumentalisiert, monetarisiert und kapitalisiert wird. Und es ist nichts Abschätziges auszumachen, wenn er, nachdem der Wind abrupt gedreht hat und seine Komödie immer weiter in Horrorgefilde vorgeprescht ist, die Oberflächlichkeit und die Gnadenlosigkeit, die Selbstbezogenheit und die Wehleidigkeit jener offenlegt, die Paul vom putzigen Player zum Paria downgraden, ihn vom kruden Knuddel-Creep zum furchteinflössenden Freak herunterhypen. An Cage ist es dann wiederum, wenn nicht Mitleid, so doch Mitgefühl zu wecken für diesen stinknormalen Typen, der eigentlich nie etwas anderes wollte, als sein wohlgeordnetes Leben in Ruhe weiterzuleben, und dessen Existenz nach einem kafkaesken Kontrollverlust nun in Schutt und Asche liegt. «Du musst etwas getan haben», sagt sogar eine von Pauls Töchtern. Und die Gattin findet bald einmal, es sei gerade so peinlich, mit ihm verheiratet zu sein. Es ist entsprechend gar nicht mal so verwunderlich, wenn es erst nach einer Stunde und dem groben Schwenk hin zum Unguten jemandem entfährt: «Was zur Hölle ist hier eigentlich los?» Weil eben unsere Wirklichkeit, in der das Geschehen nun mehr und mehr abläuft, mittlerweile tatsächlich noch absurder ist als das, was sich der hoch talentierte Herr Borgli da als Grundprämisse ausgedacht hat.