von Sandro Danilo Spadini
Eingesperrt in einem dreckigen Verliess, angekettet an rostigem Interieur, in der Mitte des Raumes eine Leiche mit offenbar selbst beigefügtem Kopfschuss: Bonjour Tristesse, guten Morgen und
wecki, wecki. Herzlich willkommen in der Welt eines geistig schwerstgestörten Serienkillers, herzlich willkommen in James Wans fiesem, kleinem Schocker «Saw», der sein Publikum so unerbittlich gefangen hält
wie der mörderische Irre seine beiden ahnungslosen Opfer. Kein Entrinnen scheint es für Dr. Gordon (Cary Elwes) und Adam (Leigh Whannell) zu geben; auf Gedeih und vor allem potenziellem Verderb
sind sie dem unter dem Namen Jigsaw («Puzzle») operierenden Strippenzieher ausgeliefert, der mittels Tonbandkommando sein perfides, perverses Spiel in Gang setzt. Wie manipulierte Schachfiguren
benutzt dieser sendungsbewusste Schlitzer – ein Bruder im verwirrten Geiste von Jame Gumb aus «The Silence of the Lambs» und John Doe aus «Se7en» – die Gefangenen für seine diabolische Charade;
wie Puzzleteile fügt sich deren Schicksal zu einem schrecklichen Gesamtbild, das in Rückblenden nach und nach gezeichnet wird. Zug um Zug, Einzelteil um Einzelteil steuert «Saw» auf das
überraschungsreiche Finale zu – gnadenlos, spannungsgeladen und bisweilen grauenvoll. So eben, wie sich das für einen Thriller von Format gehört. Und so, wie man das eine ganze Weile nicht mehr
gesehen hat.
Kompakt und schlüssig
Was musste man als Freund des Serienkiller-Genres zuletzt nicht alles erdulden! Freudlos auf die Leinwand geklatschten Quark wie «Twisted», vorhersehbare Dutzendware wie «Taking Lives» oder
blankem Unfug wie – o Grauen, lass nach – «Les rivières pourpres 2» hiess es zu durchleiden. Ums Verrecken schien sich kein Stoff mehr zu finden, aus dem sich ein gescheites Geschnetzeltes
zubereiten liess – geschweige denn ein Regisseur, der sich von den Klassikern der Neunziger in einem Masse inspirieren liess, das nicht eine solide Grundlage für eine Plagiatsklage bot. Ein
bartloser Australier namens James Wan musste kommen, um das darniederliegende Genre mittels ausgewogener Schocktherapie aus seinem chloroformumnebelten Dornröschenschlaf zu wecken. Zurückgreifend
auf ein durchdachtes, erzähltechnisch clever strukturiertes und schlüssig getimtes Skript, auch mit optischen Reizen nicht geizend, sich in puncto Formbewusstsein aber an die Kandare nehmend,
legt dieser Wan mit «Saw» ein kompaktes Gesellenstück vor, das an Nerven und Nieren, unter die Haut und die Schädeldecke geht. Dass ab und an der eine oder andere reisserische Effekt gehascht
wird, soll freilich ebenso wenig verschwiegen werden wie der Umstand, dass sich auch Wan trotz berechtigten Originalitätsanspruchs bei fremden Herren bedient. So liesse sich «Saw» etwa als
Kreuzung aus den David-Fincher-Hits «Se7en» und «The Game» beschreiben, die Spurenelemente aus Hitchcocks «Rear Window» und visuelle Versatzstücke aus Tarsem Singhs «The Cell» aufweist.
Fast brillant
Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen begeht Wan indes nicht den Fehler, das vorher Gezeigte und Errungene mit einem etwas zu schlauen finalen Twist zu torpedieren und wieder in seine
Einzelteile zu zerhacken. Auch bricht er nicht auf halber Strecke ein. Ausgehend von seiner fast minimalistischen Grundanordnung, entwickelt «Saw» stattdessen stetig mehr Zug, hält permanent in
Atem und vermeidet es geschickt, das Publikum durch seine nicht wenigen Wendungen zu verwirren, sodass dieses auf die obligate Schluss-Volte hinreichend vorbereitet ist. Letztere ist derweil wohl
durchaus sinnig, insofern aber nicht zwingend notwendig, als sich der Film nicht allzu intensiv mit der Fahndung nach der Urheberschaft des bösen Treibens befasst. Gleiches gilt für die kaum mit
Bedeutung aufgeladenen Beweggründe des Killers, womit sich Wans Schocker also in einem weiteren wesentlichen Punkt vom Paten «Se7en» mit seinem religiös motivierten Psychopathen unterscheidet. An
das grosse Vorbild reicht «Saw» aller Cleverness und Suspense zum Trotz denn auch nur in den allerbesten Momenten heran. Erfreulich, beachtlich und jederzeit erbaulich ist Wans Arbeit, sie als
brillant zu bezeichnen, wäre dann aber doch ein wenig zu hoch gegriffen. Ein wenig, wohlgemerkt.