Geister, die kaum jemand rief

Der vom Erfinder des japanischen Originals inszenierte zweite Teil der amerikanisierten «Ring»-Sage geht leidlich erfolgreich neue Wege, hat dem Vorgänger aber nur wenig hinzuzufügen.

 

von Sandro Danilo Spadini

Die Oscars sind vorbei, der Champagner ist geschlürft, und die Filetstücke amerikanischen Filmschaffens sind verzehrt. Jetzt heisst es wieder Popcorn und Bier, Fliessbandproduktionen und ran an den leicht verdienten Batzen. Remakes und Sequels – das sind die nicht eben von schöpferischem Über- und Wagemut zeugenden Attraktionen auf dem Menüplan, den Hollywood im Frühjahr 2005 reicht. Auf Teufel und Geld komm raus wird recycelt und fortgesetzt, was das Zeug hält. Da können sich Herz und Hirn noch so lange sträuben, wenn der Taschenrechner der nadelbestreiften Macher Ja sagt, wird halt aufgewärmt oder schnell mal eine Ehrenrunde gedreht.

Lückenhafte Story

Diese Buchhaltermentalität der US-Studios hat mit «The Ring Two» nun etwas Seltsames zu Tage gefördert: ein Remake und Sequel in einem, einen Hybriden, der den kreativen Ausverkauf Hollywoods auf den Punkt bringt, einen Hybriden indes, der sich bei genauerem Hinsehen als ein unechter entpuppt. Denn wohl diente die in Japan enorm populäre «Ringu»-Sage als Inspirationsquelle, eine Neuverfilmung von «Ringu 2» ist dessen amerikanisches Pendant aber nicht. Geschrieben wurde es stattdessen wie US-Teil eins mit Ehren Kruger von einem Mann, der einst mit «Arlington Road» ein ungemein kluges Skript verfasst hatte, der seine Künstlerseele damals aber eingedenk seiner unerspriesslichen Erzeugnisse der Folgejahre offenbar dem Teufel verkauft hat. Mit dem beängstigend sinnfreien Drehbuch zu «The Ring Two» erreicht der 32-Jährige nun zwar einen Tiefpunkt, allzu viel Asche muss er sich dafür aber nicht auf sein Haupt streuen – zumal es mysteriöserweise gar nicht mal so arg ist, dass es diesem Film relativ wurscht ist, dass inhaltliche Lücken ungeschlossen bleiben. Auf den Spuren von «The Exorcist» wandelnd, werkelt «The Ring Two» weiter an der Geschichte der inzwischen in die Provinz gezogenen Journalistin Rachel (Naomi Watts) und ihres traumatisierten Sohnemanns Aidan herum. Ein Wiedersehen gibt es auch mit Samara, dem rastlosen Geist, der auszog, um mittels freakigen Videoauftritts neugierige Teenager und sonstige Wundernasen übel zuzurichten. Das Ungemach bringende Tape aus Teil eins verschwindet derweil bald schon in der brennenden Mülltonne, Opferzahl und Kollateralschäden halten sich diesmal in Grenzen, doch Ruhe geben mag der cholerische Geist deswegen noch lange nicht, wie Rachel und vor allem der arme Aidan erfahren müssen.

Ungebetene Gäste

Im Vergleich zum Vorgänger sind es doch recht neue, von klassischen Horror-Motiven gesäumte Pfade, welche die schlichte Story von «The Ring Two» beschreitet. Das Thriller-Element tritt dabei zunehmend in den Hintergrund,  Suspense resultiert weniger aus den kumulierten Ereignissen, aus der fortschreitenden Verdichtung der Handlung als vielmehr  situationsbedingt aus einzelnen wohlplatzierten Effekten. Fast schon aufreizend ruhig und langsam, beinahe in Zeitlupe entwickelt sich der Plot zunächst, um einem dann mit einigen nach allen Regeln der Horrorkunst vorgebrachten Paukenschlägen von der Subtilität einer rechten Geraden eines Mike Tyson die Schläfrigkeit aus den Gliedern zu prügeln. Mit dieser für westliche Augen gewöhnungsbedürftigen Strategie orientiert sich «The Ring Two» ähnlich wie das unlängst angelaufene «Ju-on»-Remake «The Grudge» und anders als der Vorgänger mehr an japanischen als an amerikanischen Genretraditionen. Von ungefähr kommt dies freilich nicht, hatte für Teil zwei doch wie bei «The Grudge» der Schöpfer des Originals aus Nippon den Regiestab inne. Hideo Nakata heisst der nunmehrige Zeremonienmeister, der hier seinen Vorgänger Gore Verbinski gleichzeitig ent- und beerbt. Mit Verbinski sind aus dem US-«Ring» auch die artifiziell erzeugten, effektvoll Unbehaglichkeit heraufbeschwörenden kühlen Farbtöne zugunsten einer allgemein freundlicheren und weniger in sich geschlossenen Atmosphäre gewichen. Zugute kommt dies dem Film in einem ebenso leidlichen Masse wie die nur im Prinzip löblichen neuen Handlungswege, sodass es letztlich offenkundig wird, dass es auch dieses Sequel nicht zwingend gebraucht hätte. Und die Geister, die ohnehin kaum jemand gerufen hatte, erweisen so recht bald als ungebetene Gäste.