Ein uneinig Volk von Krawallbrüdern

«The Hunt» von «Lost»- und «The Leftovers»-Schöpfer Damon Lindelof ist ein rabiater und bisweilen brachialer sozialer Kommentar, der als humoriger Actionhorror funktionieren mag, als Satire aber wenig bringt.

 Universal

Von Sandro Danilo Spadini

Hoppla, was geht denn hier ab? Sind jetzt auch die Linken in Amerika übergeschnappt? Was uns das als liberal je nachdem verpönte oder verehrte Hollywood im Aufgalopp zu «The Hunt» hinknallt, ist jedenfalls aber wirklich unterste, sprich trumpianische Schublade: In einem Textnachrichten-Chat klagt einer, der «ratfuck president» habe ihm mit seiner neusten Ungeheuerlichkeit einmal mehr den Tag versaut. Worauf jemand anderes tröstend einwendet, immerhin stehe ja bald die Jagd auf einen Haufen «deplorables» an – auf die Kläglichen, Bedauerlichen, wie Hillary Clinton damals vor vier Jahren so verdammt ungeschickt die paar Dutzend Millionen Trump-Wähler abgekanzelt hat. Und mit Jagd ist, wie sich alsbald weisen wird, nicht etwa eine Kampagne in den sozialen Netzwerken gemeint, keine mediale Verunglimpfung oder politische Aktion; nein, es ist hier von einer Treibjagd mit richtigen Gewehren draussen im Grünen die Rede. Sprich: Wenn dieses debile radikalkonservative Pack einfach nicht hören will – auf die harten Fakten, die intelligenten Argumente, die fucking Wahrheit –, soll es halt fühlen, soll es abgeknallt werden wie das Ungeziefer, das es ist. Also nochmals: Hä? Ist das jetzt eine Verzweiflungstat, zu der sich das «anständige Amerika» nach über drei Jahren nihilistischen Lügenwahnsinns im Weissen Haus hat hinreissen lassen? Hat man es satt, immer die Erwachsenen im Raum zu sein? Hat man die Michelle-Obama-Doktrin aufgegeben, wonach man umso höher steigen solle, je tiefer die anderen sinken? Geht man jetzt mithin nicht mehr «high», sondern ebenso «low»? 

Am Ziel vorbeigeschossen

Nein, das dann doch nicht. Vielmehr ist das, was Starautor Damon Lindelof («The Leftovers») zusammen mit Nick Cuse, dem Sohn seines «Lost»-Mitstreiters Carlton Cuse, sich hier zusammengereimt hat, am Ende nur mehr ein weiterer Fall des gerade bei der Linken so verhassten sogenannten Bothsiderism: des journalistischen Konzepts der – falschen! – Ausgewogenheit, nach dem man beide Seiten ihre Argumente vortragen lässt, so abstrus diese auch sein mögen. Wenn also die eine Seite behauptet, es regne, und die andere sagt, es scheine die Sonne, so gibt man beiden den Raum, ihre Meinung zu vertreten, anstatt einfach zum Fenster rauszuschauen. Übersetzt auf «The Hunt», heisst das: Nicht nur diese «verfluchten Hinterwäldler» (u.a. Emma Roberts) sind Vollidioten, sondern auch die globalisierungsgeilen «liberalen Eliten» (u.a. Hilary Swank), die sich mitten in «Manorgate» – ihrer als selbst erfüllende Prophezeiung angelegten Menschenjagd – darin verlieren, ob dieses oder jenes sexistisch, rassistisch, kulturell aneignend oder sonst wie politisch unkorrekt sein könnte. Was Lindelof und Cuse zeigen möchten mit diesem beide Seiten veräppelnden «Bothsiderism», der formvollendet die Rhetorik von Social-Media-Wüterichen aufnimmt und bizarrste Verschwörungstheorien und -fantasien à la QAnon wahr werden lässt: wie unsinnig, nein, eben wie vollidiotisch diese Spaltung Amerikas doch ist, die halt beide Seiten forcieren und immer weiter auf die Spitze treiben. Das ist ja eine noble Absicht, keine Frage. Doch leider sind dies gerade nicht die Zeiten, wo die Agitatoren links wie rechts besonders empfänglich wären für Ironie, geschweige denn für Selbstironie. Eine Satire über die Verbohrtheit des politischen Zeitgeists? In der humorbefreiten Ära von Trump (oder eben der «Resistance») etwa so erfolgversprechend wie Kompromissverhandlungen mit Mitch McConnell (oder eben Bernie Sanders). Maximal erwartungsgemäss setzte denn auch schon vor dem wegen der Amokläufe von Dayton und El Paso verschobenen Kinostart ein tollwütiger Shitstorm bar jeden Verständnisses für die gar nicht mal so unterschwellige Botschaft des Films ein – wobei natürlich der Ober-Twitter-Scheisser der Nation sich abermals durch eine besonders üppige und übel riechende intellektuelle Diarrhöe hervortat.

Supercoole Heldin

Ein bisschen selber schuld sind Lindelof und Cuse – und in geringerem Masse Regisseur Craig Zobel («Compliance», ebenfalls «The Leftovers») – dann freilich schon auch. Zwar stellen sie in ihrem nur 90-minütigen Film so wie andere Produktionen aus der Horrorschmiede Blumhouse («Get Out», «The Purge») die absolut richtige Diagnose zum Zustand des Landes. Aber erstens sind diese Erkenntnisse jetzt weder übermässig schwierig zu erlangen noch allzu bahnbrechend; und zweitens genügt es angesichts der horrenden Realsatire, die wir seit über drei Jahren teils fassungs- und zunehmend teilnahmslos miterleben, einfach nicht mehr, der Gesellschaft bloss den Spiegel vorzuhalten – rabiate und bisweilen brachiale soziale Kommentare wie diesen gab es schon zur Genüge, ihr Effekt ist mittlerweile begrenzt. Dies durchaus im Gegensatz zur Wirkung, die «The Hunt» auf der reinen und profanen Unterhaltungsebene erzielt: Als humoriger Actionhorror funktioniert dieses Wettmorden, dieser Lindelof-typische Überlebenskampf in einer feindlichen, dystopischen Umgebung dank der schnoddrigen Gags, der stramm-bündigen Inszenierung und der fantastischen, geradezu übermenschlich coolen Hauptdarstellerin Betty Gilpin nämlich einwandfrei.