Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.

The Dude

 

 


«A Hero»

Fluch und Segen einer guten Tat

Ein Durchschnittsbürger in einem langsam eskalierenden moralischen Dilemma: Der iranische Regie-Grossmeister Asghar Farhadi macht in seinem thrillerhaften Sozialmelodram «A Hero» das, was er am besten kann. Und er macht es atemberaubend gut.

Filmcoopi

Von Sandro Danilo Spadini

Dass Glück und Pech nahe beieinanderliegen können, ist nun wirklich eine Binsenweisheit. Aber das nützt Rahim (Amir Jadidi) jetzt auch nichts. Seit Monaten sitzt der Mittdreissiger mit der soften Stimme und dem treuherzigen Blick eines (geprügelten) Hundes halbwegs unverschuldet im Gefängnis: Sein Geschäftspartner war mit dem Geld durchgebrannt, das ihm sein damaliger Schwager Braham (Mohsen Tanabandeh) für die Gründung einer eigenen Firma geliehen hatte; als dann seine Ehe in die Brüche ging, wandte sich auch Braham von ihm ab und pochte darauf, dass Rahim entweder seine Schulden begleiche oder eben hinter Gitter wandere. Nun aber tut sich ein Licht am Ende des Gefängniskorridors auf: Kurz bevor Rahim einen zweitägigen Freigang antreten darf, hat seine neue Freundin Farkondeh (Sahar Goldust) eine Handtasche mit 17 Goldstücken gefunden. Der Plan ist nun, diese zu verhökern und mit dem Erlös Braham wenigstens teilweise auszuzahlen, auf dass dieser seine Klage fallen lasse. Als der jedoch schroff ablehnt und auf der sofortigen Begleichung der gesamten Schuld beharrt, beschleichen Rahim moralische Zweifel, und er besinnt sich eines Besseren, eines Nobleren: Der festen Überzeugung, Gott stelle ihn hier auf die Probe, entschliesst er sich, die Besitzerin der Handtasche ausfindig zu machen und sein potenzielles Ticket in die Freiheit aus der Hand zu geben. Als die Gefängnisleitung von diesem Akt der Selbstlosigkeit Wind bekommt, überschüttet sie Rahim nicht nur mit Lobhudeleien; sie instrumentalisiert ihn auch sogleich für ein mediales PR-Ereignis, im Zuge dessen der vermeintlich im Gefängnis Geläuterte zum Helden und Vorbild emporstilisiert wird. Nun scheint sich das Blatt für den allseits geschätzten Pechvogel Rahim erneut zu wenden und sich das Leid in Wohlgefallen aufzulösen: der Segen der guten Tat sozusagen. Aber Fortuna ist und bleibt nun mal eine launische Dirne, und wer ihr blindlings verfällt, wird geradewegs ins Verderben stürzen.

Spiralen und Volten

Nicht nur Fortuna bleibt sich im Sozialmelodram «A Hero» treu; auch dessen Autor und Regisseur Asghar Farhadi tut hier das, was er seit je zu tun pflegt: einen Durchschnittsbürger in ein moralisches Dilemma schlittern lassen, ihn darin zappeln lassen wie einen Fisch auf dem Trockenen und ihn endlich in eine sich lange ankündende Katastrophe katapultieren, die sich spiralförmig entfaltet und einen voltenreichen Lauf nimmt – unausweichlich zwar und unerbittlich, aber nie je derart hartherzig und kaltschnäuzig wie etwa bei den Coen-Brüdern. Das Menschliche und eben auch das Allzumenschliche: Darum dreht und wendet sich auch der neunte Film des zweifachen Oscar-Gewinners, der in Cannes im Vorjahr mit dem Grossen Preis der Jury prämiert wurde. Gerade Ersteres wird hier sogar noch stärker betont als in den meisten Vorgängern, die «A Hero» mit Ausnahme des Schlüsselwerks «A Separation» samt und sonders zu übertrumpfen vermag. Indem Farhadi seinen von Amir Jadidi gleichsam beiläufig leinwandfüllend gespielten Helden mit einem «reinen Herzen» ausstattet und ihn selbst unter grösster Anspannung kaum je die Stimme heben und das sanfte Lächeln verlieren lässt, erhöht er indes auch die Fallhöhe. Wenn sich Rahim also nicht länger demütigen und blamieren lassen muss und seine Ehre endlich wiederhergestellt sieht, nur um wenige Wimpernschläge später damit klarkommen zu müssen, dass ihm die überschäumende Nächstenliebe und die überwältigende Solidarität schon wieder entzogen werden – dann bricht auch in uns ein bisschen was zusammen: das Hoffen auf das Noble im Menschen, das Farhadi doch eben noch so leidenschaftlich geschürt hat. Denn anders als heute en vogue (v)erklärt der Regie-Grossmeister nicht das Schlechte, Abgründige, Zynische zur neuen Regel, sondern zeichnet gerade die Menschen in der unteren Mittelschicht, in der sich dieses abermals stark in iranischen Gesellschaftsnormen verankerte Drama abspielt, als primär gut und ehrlich, vertrauenswürdig und vertrauensselig, solidarisch und sympathisch; und selbst die, die mehr haben und an den Schalthebeln der Macht sitzen, sind nicht durchweg schäbig und borniert – aber in ihrer Sorge um den möglichen Verlust des Gesichts, des Rufs, der Glaubwürdigkeit ungleich skeptischer und unbarmherziger, wenn es darum geht, das zu verzeihen, was Menschen in ihrer Verzweiflung tun: die kleinen Fehltritte, die zu brachialen Stürzen führen; die arglosen Schummeleien, die sich zu kolossalen Lügengebilden auswachsen; der naive Übermut, der einen monumentalen Orkan der Entrüstung auslöst. Wobei es letztlich freilich oft auch bloss dumme Missverständnisse sind, die hier enorme Folgen zeitigen und die Dinge entgleisen lassen – bis ein Zurück keine Option mehr ist.

Gradlinig und schnörkellos

Doch wie noch immer bei Farhadi gilt: Es ist kompliziert. Nicht so sehr, was die von einer wahren Begebenheit inspirierte Handlung angeht, die wie stets einem stillen Thriller gleich gradlinig eskalierend auf den emotionalen und dramaturgischen Höhepunkt zusteuert und keine Szene, kein Wort, keinen Schwenker zu viel enthält. Und schon gar nicht mit Blick auf die Inszenierung, die so schnörkellos ist wie nie zuvor und in ihrer digitalen Schlichtheit nachgerade naturalistische Züge annimmt. Was sich in den spartanischen Behausungen, den speckigen Büros und den staubigen Strassen von Shiraz zuträgt, ist aber eben «eine unklare Situation», wie es einmal jemand ziemlich treffend ausdrückt: eine moralische Zwickmühle, die einen immer wieder ins Grübeln und scheinbar gefestigte Positionen ins Wanken bringt. Etwas unerwartet kommt derweil, dass Farhadi die Kampfzone in diesem menschlichen Drama um Schande und Ehre, Lüge und Wahrheit, Eigennutz und Ehrlichkeit ausweitet und zeitgeistkritisch auf die Ebene der (sozialen) Medien hievt, wo die selbst ernannten Scharfrichter im Schnellverfahren Rahim aburteilen und die Hoffnung auf Gerechtigkeit erst recht eine Illusion bleiben muss. Und wo der Mann, der von sich sagt, er habe doch nichts Besonderes gemacht, im Zeitraffer auf die ganz harte Tour diese so bittere wie ewige Wahrheit lernt: dass nur eines interessanter ist als ein Held – ein gefallener Held.



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