Yeah, well, you know, that's just, like, your opinion, man.

The Dude

 

 


«The Idea of You»

Und die Herzen möchten singen

Ein Film wie eine Umarmung: Michael Showalters «The Idea of You» hat alles, was eine rechte Romanze braucht – viel Wärme, viel Witz, viel Wohlgefühl und zwei charismatische Stars, die sich blendend verstehen. Er hat über all das hinaus aber auch noch ein paar kluge und bisweilen bittere Sachen zu sagen über das Wesen der Liebe und unser Konzept davon.

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Von Sandro Danilo Spadini

 

Liebesfilme mit popmusikalischem Background – das hat sich wieder und wieder als überaus erbauliche Kombination entpuppt. Man entsinnt sich da versonnen summend an bewegende Herzensstürmer wie das Bradley-Cooper/Lady-Gaga-Duett «A Star Is Born» und das Jeff-Bridges-Solo «Crazy Heart» oder unwiderstehliche Publikumsschmeichler wie Danny Boyles «Yesterday», die Nick-Hornby-Verfilmung «Juliet, Naked» und natürlich all die John-Carney-Hits von «Once» über «Begin Again» bis «Sing Street». Zuletzt freilich hat diese fruchtbare Beziehung wie leider allzu vieles in der so heftig ins Wanken geratenen Welt der bewegten Bilder ein paar Schrammen abbekommen. Aus eben nicht mehr wirklich heiterem Himmel wurde uns da manch wenig ohrwurmtaugliches Geschrammel wie das seifenopernhafte «The High Note», das kurios gecastete «Marry Me» oder das freudlose «The Greatest Hits» auf die Leinwand (beziehungsweise den Bildschirm) gepappt; und selbst die jüngste Carney-Auskoppelung «Flora and Son» vermochte nicht uneingeschränkt euphorische Jubelarien herauszukitzeln. Vielleicht noch nicht gerade höchste, aber zumindest eine gute Zeit also, kommt nun mit «The Idea of You» eine Romanze mit tadellosem Musikgehör daher: ein Film wie eine Umarmung – kräftig, herzlich, gefühlvoll. Und obendrein ist das eine unerwartet lebensechte und lebenskluge Geschichte, die Regisseur Michael Showalter («The Big Sick») da basierend auf dem gleichnamigen Roman von Robinne Lee aufbereitet hat. Zwar mag der amouröse Höhenflug, den die just 40 gewordene geschiedene Kunstgaleriebesitzerin Solène (Anne Hathaway) mit dem 24-jährigen Boygroup-Superstar Hayes (Nicholas Galitzine) durchlebt, von seinen Begleitumständen her nicht eben in der Mitte unser aller Realität wurzeln; doch das, was Showalter im Zuge dessen über das Wesen der Liebe und unser Konzept davon zum Besten gibt, ist so fein- wie hintersinnig – und bisweilen auch bitter.
 
Lieber unaufdringlich und unaufgeregt
 
Es ist eine Welt voller Sonne und Wärme, in der sich die Geschichte von Solène und Hayes in nachgerade höflicher Zurückhaltung entfaltet. So zumindest scheint es im ersten flüchtigen Moment, auf den oberflächlich geschmeidigen Blick. Es ist das aber eben auch eine ziemlich geglättete Version, die wir da in lieblich linden Bildern präsentiert bekommen, eine überaus kalifornische Welt gleichsam. So knabbert Solène etwa immer noch an der Trennung von ihrem Gatten, der ihr Leben zerstört habe, wie sie ihrem Spiegelbild anvertraut. Und dass im Leben eines Popstars manches im Argen, wenn nicht gar in Trümmern, Schutt und Asche liegt, das ist nun mal ein derart hartnäckiges Klischee, dass es einfach wahr sein muss. Kein Wunder mithin, haben die beiden ihre Probleme damit, anderen Personen zu vertrauen. Und weil Michael Showalter ein Regisseur ist, der seine Figuren und ihre Sorgen ernst nimmt und ihnen die entsprechende Zeit und den gebührenden Raum lässt, sich zu finden, dauert es hier dann eben auch eine geschlagene Dreiviertelstunde bis zum ersten Kuss. Dass es dazu kommen würde, das indes war schon in Stein gemeisselt, nachdem sich Solène und Hayes auf doch recht originelle Weise am südkalifornischen Coachella-Festival kennen gelernt hatten – vor der Toilette in seinem Trailer, den sie für einen Teil des VIP-Bereichs gehalten hatte. Die gänzlich unglamourösen Umstände dieser ersten Begegnung in einem überaus glamourösen Umfeld hatten auch bereits eine Ahnung vom Ton gegeben, der im Folgenden angeschlagen würde: trocken gewitzt und sympathisch bodenständig. Denn auch das ist eine Qualität, die der seit seinem Durchbruch vor sieben Jahren doch recht umtriebige Showalter («The Eyes of Tammy Faye» und «The Dropout») hinlänglich unter Beweis stellen durfte: dass er das Unaufdringliche und das Unaufgeregte auch dann für zielführender hält, wenn die Geschichte in abenteuerliche Gefilde vordringt und unwahrscheinliche Kapriolen schlägt.
 
Anne Hathaway: Natürlicher denn je
 
Die Regie freilich war noch selten die Erfolgsgarantin im Romantikfach – das ist quasi eine von dessen Eigenheiten. Mehr als sonst ist sie in diesem fürs Formelhafte so anfälligen Genre darauf angewiesen, dass ihr vom Drehbuch eine absolut grundsolide Basis und ein wahrlich bombenfestes Fundament hingelegt wird: mit zündenden Gags und sprühenden Einfällen, cleveren Wendungen und smarten Gedanken. Vor allem aber steht und fällt das Wohl und Wehe einer Romanze seit je mit dem Charisma ihrer Stars und deren Chemie. Und da muss man sich nun schon gar keine Sorgen machen: Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway, die auch als Produzentin waltet, und Newcomer Nicholas Galitzine, den man am ehesten von der Netflix-Musikromanze «Purple Heart» oder der Amazon-LGBTQ-Romcom «Red, White & Royal Blue» kennen könnte, haben es wirklich aussergewöhnlich gut miteinander; ja so gut gar, dass diese nicht jedes Genre-Stereotyp weiträumig umschiffende und eben auch an schillernden Locations haltmachende Love-Story gleichwohl erfrischend und authentisch rüberkommt – eine nicht geringe Leistung, wenn man gerade den Starappeal der gerne genüsslich (und oft unnötig harsch und hässlich gehässig) als übereifrig und gekünstelt kritisierten Hathaway bedenkt. Die gerade online ihr Unwesen treibenden «Hathahaters» erhalten hier jedenfalls eine prima Gelegenheit, sich in Grund und Boden zu schämen – nicht nur, weil ihr Hassobjekt noch nie so natürlich gewirkt hat wie hier, sondern auch, weil ihnen der Film in seinem letzten Akt den Spiegel vorhält, wenn jegliche Romantik vorübergehend den Unbilden des Social-Media-Rabaukentums weicht und leidige gesellschaftskritische Fragen die Schmetterlinge vertreiben. Hier nun liefert das Skript, das Showalter mit der Schauspielerin Jennifer Westfeldt verfasste, seinen vitalsten Beitrag zum Ausschöpfen des Hitpotenzials von «The Idea of You». Denn wie es mit den traurigen bis tragischen Aspekten seiner Geschichte umgeht – dem hemmungslosen Herabwürdigen, der totalen Verrohung im digitalen Raum, der latenten Misogynie und der blanken Frauenverachtung –, das ist so klug und besonnen wie die Betrachtungen zu der hier über allem schwebenden Altersfrage. Dass der Film dabei einen regelrechten Genrewechsel vollzieht und zum Drama wird, wenn sich das Süsse zunächst ins Bittersüsse und schliesslich ins nur noch Bittere verwandelt, geht indes nicht einmal mit einem groben Bruch einher. Es stoppt zwar den «Glow», nicht aber den «Flow» – es bleibt also auch dann noch alles im Fluss, wenn das Glühen schwindet. Und dass da noch nicht die letzte Note gesungen ist – darauf darf man sich dann schon auch noch verlassen. Schliesslich ist hier wirklich restlos alles drin, was eine rechte Romanze ausmacht.



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