Zu grausam für die Schweiz?

Der in den USA höchst erfolgreiche, von Quentin Tarantino produzierte Horrorthriller «Hostel» wurde in der Schweiz aus Sorge um Kontroversen aus dem Programm genommen.

 

von Sandro Danilo Spadini

Die beiden amerikanischen Jungspunde Paxton und Josh sind auf Europareise und absolvieren mit ihrer isländischen Ferienbekanntschaft Oli das klassische Kulturprogramm: kiffen, saufen, in den Puff gehen, sich beim Sex auf Discotoiletten mit dem Handy filmen, sich mit antiamerikanisch gesinnten Einheimischen prügeln. Paxton, Josh und Oli haben eine gute Zeit. Bald schon beginnen sie sich aber zu fadisieren, sich nach noch willigeren und billigeren Mädels zu sehnen. Da kommt der Tipp eines osteuropäischen Jugendherbergengenossen gerade recht: In der Slowakei herrsche nach dem Krieg (vielleicht dem in Slowenien?) akuter Männermangel, und entsprechend leicht seien die Frauen dort ins Bett zu kriegen. Also nichts wie auf nach Bratislava, denken sich die drei. Was sie dort erwartet, ist dann aber nicht so sexy. Weniger nacktes als vielmehr gehacktes Fleisch steht nun nämlich auf dem Menüzettel. Der Albtraum, Mahlzeit!, kann beginnen: Paxton, Josh und Oli geraten in die Fänge einer erzfinsteren Organisation, die dem abenteuerlustigen Touristen einen Trip in die Abgründe seiner Seele offeriert: Gegen ein happiges Entgelt darf man sich eines Menschen bemächtigen und ihn nach Lust und Laune quälen, foltern und schliesslich töten. Willkommen in (Hollywoods?) Osteuropa, wo ein Menschenleben nichts, gar nichts zu zählen scheint und wo man für Geld alles, wirklich alles bekommen kann. 

Hoher Schockeffekt

Dies der Plot von «Hostel», jenem von Quentin Tarantino produzierten Horrorschocker, der in den USA satte 47 Millionen Dollar einspielte, hierzulande aber aus Sorge vor Kontroversen kurzfristig aus dem Programm genommen wurde. Dass der Verleih diese Medienpräsenz und also Gratiswerbung sichernden Kontroversen nicht ausnutzt und mit der Neugier des dergestalt aufgeputschten Filminteressierten so richtig Kasse macht, mag freilich (positiv) überraschen. Jedenfalls bleibt dem hiesigen Kinogänger so der Anblick von kiloweise abgehackten Gliedmassen und von literweise spritzendem Blut vorenthalten respektive erspart. Schade drum? Gut so? Wiewohl «Hostel» von der US-Kritik recht wohlwollend aufgenommen wurde, scheinen gewisse Vorbehalte nicht zuletzt in ethischer Hinsicht angezeigt – einmal ganz abgesehen davon, dass der letztlich in einen tumben Rachethriller mündende Streifen etwa aufgrund teils massiver Spannungsdefizite auch anderweitig ärgerlich bleibt. Zwar versichert Regisseur Eli Roth, dass er mit seiner Geschichte durchaus auch ernsthafte Anliegen verfolgt, und in der Tat wimmert unter dem ganzen Schlachtabfall so etwas wie eine mahnende Botschaft. Doch Hand aufs Herz: Primär, sekundär und tertiär geht es hier doch darum, den derzeit grenzenlosen Appetit besonders jugendlicher US-Kinogänger auf Gräuel jedweder Art zu stillen und die Schockzahl möglichst hoch zu halten. Und dafür ist Roth jedes Mittel recht. Grenzen werden nicht nur ausgelotet, sie werden überschritten. Mehr als einmal. Mögen sich Hardcore-Genrefans auch weiden an dem Gemetzel, Gekreische und Gehacke; als normalsterblicher Cineast muss man leer schlucken, wenn abermals die Kreissäge hervorgeholt wird und aufs Neue ein menschlicher Körper verstümmelt wird. Als reiner Genrefilm darf «Hostel» sich gewiss mehr erlauben als massenkonformere Produktionen, die neben dem Horror- auch wirklich Wert auf das Thriller-Element legen; doch muss man sich fragen, ob solcherlei dann nicht eher in die obskuren Ecken einschlägiger Videotheken gehört.

Spekulativ und willkürlich

Eine Auseinandersetzung mit dem Gewaltkomplex oder eine Reflexion über die angeprangerten Missstände im Osten Europas (und im Kopf der Sex- und Gewalttouristen) finden denn auch kaum statt. Vielmehr muss «Hostel» höllisch aufpassen, nicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu verkommen – werden hier doch nur niedere und niederste Instinkte befriedigt, ohne dass eine ironische Brechung stattfinden würde. Die Gewalt ist bei Roth nicht das «notwendige», sich in den Dienst der Geschichte oder der Botschaft stellende Übel, sie ist einfach nur übel, recht eigentlich Selbstzweck und meist spekulativ und willkürlich. Der These der Medien- und Filmwissenschaftler Werner C. Barg und Thomas Plöger folgend, macht gerade dieses Willkürliche – und nicht etwa das Ausmass der gezeigten Bestialitäten – «Hostel» zu einem obszönen Film. In ihrem sich differenziert mit dem Thema Gewaltdarstellung befassenden Buch «Kino der Grausamkeit» postulieren Barg und Plöger indes mit Recht, «dass es sehr wohl eine ,Gewalt für Erwachsene’ im Kino» gebe, «Gewaltdarstellungen, durch die Regisseure in der Filmgeschichte immer wieder auf die real existierende Gewalt in der Gesellschaft, auf das Aggressionspotenzial der Menschen und die Gewaltfantasien in seiner Psyche hingewiesen haben». Diese Regisseure tragen dann aber freilich Namen wie Luis Buñuel, David Lynch oder Stanley Kubrick... PS: Obwohl «Hostel» nicht in die Schweizer Kinos kommt, kann man sich eine eigene Meinung bilden. Der Film ist seit kurzem etwa bei www.amazon.com als Import-DVD greifbar.