Ach, du dünnes Ei!

Der Actionklamauk «Red Notice» ist weniger ein Film denn ein Produkt; und seine drei umsatzbolzenden Zugpferde harmonieren einzig auf dem Plakat. Aber zu unterhalten versteht die teuerste Netflix-Produktion aller Zeiten trotzdem recht gut.

Netflix

von Sandro Danilo Spadini

Gut möglich, dass es nicht die Teenager dieser Welt waren, die durch das Aufkommen der sozialen Medien am heftigsten beglückt wurden, sondern die spröden Erbsenzähler in den Chefetagen Hollywoods. Denen nämlich haben Zuckerberg und Co. mit ihrem Teufelszeug eine unschlagbare Entscheidungshilfe an die Hand gegeben, wenn es darum geht, ob ein Filmprojekt abheben oder absaufen soll. Vorbei die Zeiten, als sich die Zugkraft eines Kinostars einzig an dessen Erfolgen an den Kinokassen bemass – geradeso wichtig ist für die Kalkulatoren in den Studios heute sein Rendement auf Social Media. So haben etwa Dwayne Johnson («Fast & Furious»), Ryan Reynolds («Deadool») und Gal Gadot («Wonder Woman») nicht nur allesamt eine boomende Franchise am Start, sondern zusammengenommen eben auch über 360 Millionen Instagram-Follower. Und das – und nur das – macht sie in der schön blöden neuen Hollywood-Welt nun zu Superstars und einen Film, der das Potenzial dieser drei Zugpferde vereint, in der aktuellen Studiologik zwingend zu einem Goldesel. Es dürfte damals in der entsprechenden Kommissionssitzung bei Netflix mithin ein kurzer Denkprozess gewesen sein, ob der Daumen über dem Actionklamauk «Red Notice» gehoben oder gesenkt werden sollte – selbst wenn das mit einem kolportierten Budget von 200 Millionen Dollar, von denen offenbar jeweils 20 Millionen in die Lohntüten von Johnson, Reynolds und Gadot wanderten, die teuerste Produktion in der Geschichte des Streamingdiensts werden sollte.

Zankende Buddys

Dass das, was auf dem Papier des Flipcharts im Managementmeeting wie eine todsichere Sache aussieht, auf der Leinwand (oder eben dem Bildschirm) trotzdem in die Binsen gehen kann, ist bekannt. Und dass Zahlen in Hollywood die zwar wichtigste, aber trotzdem nur halbe Wahrheit sind, weiss man seit Harrison Ford. Der hat mit seinen Filmen zwar Umsatz gebolzt wie kein Zweiter; so etwas wie Charisma oder gar mimisches Geschick ist ihm darob aber nie entwachsen. Im Wissen darum hält sich denn auch der Schock darüber in Grenzen, dass in «Red Notice» aller vermeintlichen Starpower zum Trotz kaum ein Funke sprüht und die grossen Namen nur auf dem Filmplakat harmonieren: dass also das Geschäker zwischen dem immer wieder ins Bockshorn gejagten FBI-Agenten John Hartley (Johnson) und dem spitzzüngigen Meisterdieb Nolan Booth (Reynolds) allzu oft hölzern bleibt und die Sache selbst dann keinen Deut sexier wird, wenn die ebenfalls auf spektakulären Kunstraub spezialisierte Oberstrippenzieherin «The Bishop» (Gadot) auf den Plan stöckelt und die zankenden Buddys ein ums andere Mal in die Falle lockt. Alle drei sind sie auf der Jagd nach den drei mit Edelsteinen besetzten Eiern, die Marcus Antonius einst Kleopatra zur Hochzeit schenkte. Denn ein ägyptischer Milliardär hat sich in den Kopf gesetzt, diese seiner Tochter zur Vermählung zu kredenzen, und eine Belohnung von 300 Millionen Dollar für deren widerrechtliche Beschaffung ausgesetzt. Ei Nummer 1 wird schon in der Eröffnungssequenz aus dem Museo Nazionale in Rom gemopst, was der Film zu einer James-Bond-mässigen Verfolgungsjagd zwischen Hartley und Booth nutzt. Nachdem Letzterer auf Bali dann doch gefasst und Ersterer von der «Bischöfin» diffamiert worden ist und die beiden in einem russischen Gefängnis gelandet sind, kommt der «Mission: Impossible»-Moment von «Red Notice», ehe die nunmehr zusammenspannenden Ex-Knastbrüder das zweite Ei in «Ocean’s Eleven»-Manier aus der Villa eines Waffenhändlers in Valencia klauen. Und nun beginnt der Spass erst richtig: Nicht nur hat sich die «Bischöfin» längst die beiden ersten Eier unter den lackierten Nagel gerissen; vor allem weiss auch seit Urzeiten kein Mensch, wo sich das dritte Ei befindet. Booth indes hat immerhin eine Vermutung; und wenn er und Hartley dieser in Argentinien nachgehen, ist es dann Zeit geworden für das grosse «Indiana Jones»-Finale.  

Mit Fake-Look, ohne Sex-Appeal

Dass man in einem Film über Diebe selbst ein bisschen stibitzt, mag ja noch seine charmante Logik haben. Problematisch wirds halt, wenn der Qualitätsunterschied zu den Werken, bei denen man sich so grosszügig bedient hat, ein Ausmass annimmt, das geradezu schmerzhaft gross ist. Und schwer erträglich wirds, wenn das fertige Flickwerk auch ansonsten keinerlei Anzeichen von Originalität zeigt, ja gar nicht erst zeigen will. Dass Regisseur Rawson Marshall Thurber («Skyscraper», «We’re the Millers») kein Action-Zampano und Genre-Revoluzzer ist, wird ja schon in der erstaunlich uneleganten Jagdszene im Prolog offenkundig; und dass der sich so globetrotterisch gebende Film, der auf fünf Kontinenten spielt, letztlich komplett in Atlanta gedreht werden musste, checkt das wache Auge auch bald einmal – derweil an manch anderer Stelle sogar dem pennenden Auge auffällt, dass die Stars hier auf Sets rumlümmeln, wenn der südamerikanische Dschungel so wild wirkt wie die pflanzliche Dekoration einer Zahnarztpraxis und der ägyptische Palast dem Playmobil-Universum zu entstammen scheint. Neben diesem bisweilen peinlichen Fake-Look ist es aber gerade der gelackte, hochglanzpolierte Stil, der diesen von Grund auf generischen und konsequent auf Sex-Appeal verzichtenden Film so steril und seelenlos ausschauen lässt. Und der einem in Erinnerung ruft, dass «Red Notice» eben weniger ein Film denn ein Produkt ist: eines vom Reissbrett, das nichts wagt und niemandem wehtut – mehrheitsfähige, familienfreundliche Unterhaltung halt. Aber immerhin auch eines, das dem Premiumsegment zuzurechnen ist und gewisse Grundtugenden und Standardkompetenzen mitbringt: So saust das von Thurber selbst verfasste Skript nonchalant über die Logiklöcher hinweg, serviert ein paar flotte Twists, würzt sie mit oft schmissigen popkulturellen Zitaten und verbucht am Ende immerhin eine 50-Prozent-Treffer-Quote bei den Gags. Und die Inszenierung ist so hoch getaktet und gut getimt, dass einem selten die Zeit bleibt, sich länger mit ihren Stolperern aufzuhalten. Aber es steht hier ja auch ordentlich was auf dem Spiel: Wie die letzte Szene überdeutlich klarmacht, ist man der Versuchung, in Serie zu gehen, also alles andere als abgeneigt.