Mit dem Taxi bis ans Ende des Lebens

Das iranisch-amerikanische Regietalent Ramin Bahrani hat mit «Goodbye Solo» einen warmherzigen und wahrhaftigen Film über Freundschaft und das neue Gesicht der USA gedreht.

 

von Sandro Danilo Spadini

1000 Dollar bietet der alte Mann – ein kleines Vermögen für den senegalesischen Taxifahrer. Und was der knorrige Alte dafür will, klingt weder illegal noch gefährlich: In zehn Tagen möchte er zur Spitze eines Bergs im Blowing Rock National Park kutschiert werden, an einen magischen und mystischen Ort mit derart wirren Windverhältnissen, dass der Schnee aufwärtsfällt. Alles in allem hört sich das an wie das Geschäft des Lebens für Solo. Dennoch zögert er. Weil er ein mulmiges Gefühl hat. Weil etwas nicht stimmt mit dem Alten. Weil dieser Reiseplan etwas Endgültiges hat. Und weil Solo einer jener seltenen Menschen ist, die nur Gutes und immer auch das Wohl der anderen im Sinn haben, wird er in den kommenden zehn Tagen ein Auge auf den ihm noch wildfremden Alten haben. Das ist in einer Stadt wie Winston-Salem, North Carolina, nicht allzu schwer. Übersichtlich ist es hier. Und offenbar gibt es nur einen Taxibetrieb, sodass Solo sogleich zur Stelle ist, wenn der durch die Nacht wandernde Alte ins Kino, in die nächste Bar oder nach Hause gefahren werden will. William heisst der Misanthrop, und wo William ist in naher Zukunft, da ist auch Solo – mit einem nie versiegenden Redeschwall, einem nie verschwindenden Lächeln, einem nie brechenden Optimismus. Wohl wehrt sich William, der kaum redet, nie lächelt und nichts von Optimismus hält, nach Kräften; doch dieser naturgewaltigen Lebensfreude kann sich nicht mal einer wie er auf Dauer entziehen.

Fruchtbare Authentizität

Es ist eine dieser so oft gesehenen wie unwahrscheinlichen Freundschaften, die der iranisch-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Ramin Bahrani («Chop Shop») in seiner Heimatstadt inszeniert hat. Und dennoch ist «Goodbye Solo» ein einzigartiger Film mit einer warmherzigen und wahrhaftigen Variation des Sujets vom «seltsamen Paar»: ein grosser Film, und seine unaufdringliche und scheinbar so leicht erreichte Grösse speist sich nicht zuletzt aus der Authentizität. So wie Bahrani ortskundig ist und als Einheimischer aus einer Immigrantenfamilie das Wesen des Ur-Südstaatlers William genauso zu erfassen vermag wie jenes von Solo, so gehen kraft ihrer Vita auch die Hauptdarsteller in ihren Rollen auf: Der ivorische Debütant Souleymane Sy Savane arbeitete zuvor als Flight-Attendant – für ebendiesen Job paukt Solo, wenn er nicht im Taxi sitzt, seine zänkische Frau (Carmen Leyva) neckt, deren Tochter (Diana Franco Galindo) umsorgt oder William unterhält. Der Fernseh- und Kinoveteran Red West wiederum war einst bei den Marines, schlug sich als Boxer durch und amtete in den Fünfzigern als Elvis‘ Leibwächter – gerade einen solch kernig-turbulenten Lebenslauf stellt man sich auch für William vor.

Regisseur der Zukunft

Zusammen sind Solo und William das Gesicht der im Wandel begriffenen amerikanischen Gesellschaft, jung und alt, schwarz und weiss, Einwanderer und Einheimischer, am Anfang und am Ende. Solo hat seinen amerikanischen Traum erst gerade zu träumen begonnen; William hat ihn längst ausgeträumt, und es ist anzunehmen, dass er sich nicht erfüllt hat. Die Gegensätze der Charaktere und ihrer Lebensgeschichten münden denn auch in filmische Kontraste, bei Ton wie Bild gleichermassen. Komik und Tragik wechseln sich ebenso ab wie Tag- und Nachtaufnahmen. Mal obsiegt Solos Optimismus, mal Williams Pessimismus. Bald ist die Stimmung nachts noch heiter, bald schlägt sie tagsüber in Trauerwut um. Und oft genug ist beides da, hängt ein Hauch von Melancholie in Solos Fröhlichkeit, offenbart sich ein Anflug von Charme in Williams Bitterkeit. Und immer sind all diese gegensätzlichen Gefühle und Stimmungen geschmeidig und ganz im Dienst der Figuren in Szene gesetzt, ohne Ausrufezeichen und Leerschläge, die Klischee-Schlaglöcher in weitem Bogen umfahrend. «Goodbye Solo» ist erst der dritte Film des 35-jährigen Ramin Bahrani. Wie die beiden ebenfalls im Migrantenmilieu spielenden Vorgänger hat er für Furore auf Festivals und in den Kritikerspalten gesorgt. Es scheint nunmehr angezeigt, Ramin Bahrani als einen der definitiven Chronisten des neuen Amerika zu bezeichnen.