Mächtig Druck auf dem Kessel

Medium rare, bitte: Das raffinierte Restaurantdrama «Boiling Point» gibt 90 Minuten lang Vollgas und serviert in einer einzigen fulminant choreografierten Einstellung ein Menü aus der Hölle der Spitzengastronomie.

Ascot Elite

von Sandro Danilo Spadini

Dass es in der Spitzengastronomie hoch zu- und hergeht, weiss seit Filmen wie «Chef» oder «Burnt» mittlerweile auch der geneigte Kinogänger: All der Druck, all der Stress, all diese Ansprüche, von links, rechts, oben, unten, hinten und vorne, das meuternde Personal, die motzende Kundschaft, die mäkelnden Kritiker, die maulenden Bosse – das trieb dort die Sterneköche wahlweise in die Drogensucht, zu Tobsuchtsanfällen und am Ende sowohl privat als auch beruflich ins Abseits. Man hat da, wiewohl das recht klassisches Hollywood war, schon einen recht guten Einblick in diese in den letzten Jahren stetig öffentlicher gewordene Welt und ein Verständnis dafür gewonnen, unter welchen Entbehrungen die kulinarischen Kunstwerke entstehen. Wer damit aber gleichwohl noch nicht satt ist und quasi Teil dieses Chaos sein und kopfüber eintauchen möchte in dieses ganze Buhei und Ballyhoo, Tamtam und Tohuwabohu, der möge sich nun doch «Boiling Point» zu Gemüte führen: einen mit kleinem Budget, grossem Geschick und all den richtigen erlesenen Zutaten kreierten Gourmet-Happen, der uns in einer einzigen, rund 90-minütigen Einstellung kredenzt wird. Auf seinem gleichnamigen Kurzfilm von 2019 aufbauend, heftet sich Regisseur und Co-Drehbuchautor Philip Barantini hier an die Fersen von Andy Jones (Stephen Graham), Chefkoch und Mitbesitzer des aufstrebenden Nobelschuppens «Jones & Sons» im Londoner Osten, in dessen Küche Barantini selbst einst umherwuselte und herumhuschte. Andy ist heute – einmal mehr – spät dran, er fühle sich beschissen und grauenhaft, und genau so sieht er auch aus. Dass er sogleich von einem blasierten Restaurantinspektor (Thomas Coombes) in Empfang genommen wird und der ihm mit einer empfindlichen Herabstufung die Quittung für das Vernachlässigen des Papierkrams präsentiert, macht ihn auch nicht froher; dass er eine Fleischbestellung verschlampt hat und man nun einen entsprechenden Notstand hat, sowieso nicht; aber dass die Maître d’Hôtel und Co-Eigentümerin Beth (Alice Feetham) heute Abend auch noch überbucht hat und die in der Weihnachtszeit eh schon mörderische Belastung damit noch weiter zunimmt – das hätte Andy, der doch schon so viel, so viel zu viel am Laufen hat, sich mit privaten, finanziellen und gesundheitlichen Problemen herumschlägt, nun wirklich nicht auch noch gebraucht. Umso weniger, als auf der Gästeliste nicht nur eine strenge Restaurantkritikerin (Lourdes Faberes), sondern in deren Schlepptau mit dem Promi-Koch Alastair Skye (Jason Flemyng) auch noch sein einstiger Geschäftspartner steht, der ihm wohl den einen oder anderen Knüppel zwischen die Beine zu werfen gedenkt.

Weiter, immer weiter

Der reinste Taubenschlag ist das, ein fulminant choreografiertes Chaos, in dem sich die agile und überaus neugierige, nachgerade aufdringliche Kamera von Matthew Lewis hier mit stupender Finesse durchschlängelt. Laut ist es, hektisch ist es, bisweilen herrscht ein rauer Ton, der aber schnell ins Herzliche kippen kann. Es gibt Animositäten und Loyalitäten. Es wird geschimpft, geschluchzt, gescherzt. Aus der einen Ecke wird ein Kommando gebellt, aus der anderen kommt Schützenhilfe. Und dann ist da: Druck, Druck, Druck. Zu wenig Zeit, zu wenig Platz, zu wenig Leute, zu wenig Vorrat – und auch mal zu wenig Nerven, zu wenig Geduld, zu wenig Kraft. Doch dann gehts trotzdem weiter, immer weiter. Muss ja. Obwohl die eine zu spät ist und der andere trödelt, hier geschlampt und dort geträumt wird, mal der nötige Ernst und mal die rechte Konzentration fehlt, dies vergessen und jenes verhunzt worden ist. Und obwohl die Kundschaft mit ihren Lebensmittelallergien und den stets wie Waffen gezückten Smartphones offenbar exklusiv aus Kotzbrocken besteht: aus rassistischen Banausen, die bei jeder Gelegenheit die schwarze Kellnerin (Lauryn Ajufo) zur Schnecke machen; prolligen Hühnern, die dem schwulen Platzanweiser (Gary Lamont) an den Hintern fassen; schmierigen Instagram-«Influencern», die auch dann Steak mit Fritten verlangen, wenn es nicht auf der Karte steht. Doch diese Demütigungen, das stecken sie weg; sie sind schliesslich alle Profis, sonst wären sie nicht hier. Was hingegen nicht geht, ist Inkompetenz. Doch zu allem Überfluss gilt es auch das zu ertragen. Und weil der Fisch vom Kopf stinkt und die beiden Leute am Ruder ganz offenkundig überfordert sind, droht bald eine Revolte: Erst platzt der pflichteifrigen Sous-Chefin Carly (Vinette Robinson) ob der mehr um das Image auf Social Media als den Restaurantbetrieb bekümmerten Beth der Kragen; dann will ihr Kollege Freeman (Ray Panthaki) Andy an den selbigen, weil dem einfach zu viele Fehler unterlaufen.

Ein bärenstarkes Ensemble

Es ist hier also mächtig Druck auf dem Kessel, und Barantini und seine Brigade sind nonstop mit Vollgas unterwegs, entfachen dabei eine fast greifbare Leidenschaft und entfesseln eine enorme Energie. Wie Andys Küche – laut der Gastrokritikerin «unprätentiös» – bleibt dabei aber auch das Geschehen in «Boiling Point» stets mit beiden Beinen auf dem Boden. So mag die «One Shot»-Strategie zwar ambitioniert erscheinen; sie ist aber keineswegs kapriziöses Chi-Chi, sondern das Kernelement dieses Menüs, das nicht nur raffiniert, sondern auch reichhaltig ist: Verblüffend, wie viel Fleisch hier bei lediglich anderthalb Stunden Spielzeit am Knochen ist! Dass dieses gleichsam medium rare serviert wird, harmoniert wiederum perfekt mit diesem mal zarten, mal rohen Fiebertrip in die Hölle der Spitzengastronomie. Und dass sich dabei nicht alles um Chef Andy dreht und wendet, die Kamera ihn auch mal links liegen lässt und mit der Kellnerin, dem Tellerwäscher oder der Chef de Patisserie fremdgeht und das Drehbuch auch deren persönliche Freuden und Dramen anschneidet, steigert zwar die Komplexität, macht die Sache aber mitnichten «unnötig kompliziert» – auch dies ein Attribut, das Andys Gerichten zugeschrieben wird. Es sind das vielmehr wohlverdiente Gelegenheiten für das rundum bärenstark und natürlich agierende Ensemble, auch mal aus dem Schatten der unbestrittenen Stars zu treten: des im Liverpooler Dialekt durch den Film brausenden Stephen Graham (Al Capone aus «Boardwalk Empire»), der immer kurz vor der Explosion rumfuchtelnden Vinette Robinson («Sherlock») oder des latent hinterlistigen Jason Flemyng («The 355»). Fast freilich verpasst man diese dezenteren Glanzlichter in dem panikerfüllten pulsierenden Wahnsinnswirrwarr, drohen diese nuancierten Grüsse aus der Küche unterzugehen in dem nahrhaften Leckerbissen, den man so hastig und gierig heruntergeschlungen hat. Erst wenn der titelgebende Siedepunkt erreicht ist und für einen Moment so etwas wie Ruhe nach dem Sturm einkehrt, ebbt der Adrenalinrausch allmählich ab. Und endlich wieder bei Puste, realisiert man, welch glorioser Team-Effort das doch war.