Wenn George Clooney fliegt, fliegen andere raus

Auch mit seinem dritten Film trifft «Juno»-Regisseur Jason Reitman jeden Ton: Sechs Oscar-Nominierungen gab es für 
«Up in the Air», den Film zu den Folgen der Finanzkrise.

 

von Sandro Danilo Spadini

Man könnte ihn einen Auftrags-Jobkiller nennen. In der Welt von Jason Reitmans «Up in the Air», die unsere Welt hier und jetzt ist, sagen sie «Career Transition Counselor» zu ihm, was man wirtschaftskauderwelsch mit «Berufswechselberater» übersetzen mag. Wie auch immer das heisst, was Ryan Bingham (George Clooney) macht: Was er tut, ist Leute feuern. Dies als Externer für Chefs, die dazu zu feige sind, und quer über die USA verteilt, gestern in Des Moines, heute in Tulsa, morgen in Miami. Das heisst: Herr Bingham verbringt den Grossteil seines Lebens im Flieger. Und das heisst natürlich auch: künstliches Licht, geschmacksarmes Essen, rezyklierter Sauerstoff allenthalben – und ein Minimum an sozialen Bindungen oder ein ganz leichter Rucksack, wie es der überzeugte Solo-Roboter in seinen Seminarvorträgen ausdrückt. Was anderen den Rest geben würde, vermittelt Herrn Bingham das einzige Gefühl von Heimat, das er kennt und kennen will – er wohnt sozusagen in der Luft.

Schlimmer geht immer

«Dank» der aktuellen Arbeitsmarktkrise scheint der «Frequent Flyer» sogar sein abstruses Lebensziel von 10 Millionen geflogenen Meilen zu erreichen, als ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht wird – und ihn die derzeit so viele erschütternde Wirtschaftserkenntnis ereilt: Es kann und wird immer noch schlimmer kommen. In «Up in the Air» kommt dieses Schlimmere in der zierlichen Person der vermeintlichen Human-Resources-Spezialistin Natalie Keener (Anna Kendrick). Die Anfangszwanzigerin ist die düstere Verheissung der Arbeitnehmer-Zukunft: ein noch seelenloseres Zahlenmonster, in dessen gedankenloses Betriebswirtschaftshirn sogenannt weiche Faktoren wie die menschliche Komponente erst gar nicht universitär hineinprogrammiert wurden und das entsprechend nur die vom Computer ausgespuckte Wahrheit (aner)kennt. Hat der aus dem Off kommentierende und sich trotzdem selbst nicht spürende Herr Bingham seine Job-Opfer wenigstens noch mit etwas Wärme und dem Trost spendenden George-Clooney-Timbre in den beruflichen Orkus geschickt, so schwebt Frau Keener nun denn auch eine rationalere Prozedur vor: Um Reisekosten zu sparen, sollen die menschlichen Ressourcen namens Arbeitnehmer ab jetzt per Videokonferenz gefeuert werden. Herr Binghams Chef (Jason Bateman) findet das prima, Herr Bingham selbst weniger – und als verdientem und motiviertem Mitarbeiter wird ihm immerhin zugestanden, Frau Keener auf seiner womöglich letzten Tour von der unsinnigen Unmenschlichkeit dieser Idee zu überzeugen. Der statusbewusste und routinefixierte Job-Terminator Ryan Bingham ist hier, in dieser stilsicheren Satire, damit zum Guten oder wenigstens zum kleineren von zwei Übeln geworden, sodass sich die Schadenfreude in Grenzen hält, wenn auch er plötzlich um seine Stelle bangen muss. Während er überdies durch eine zusehends verbindlichere Affäre mit seinem weiblichen Gegenstück Alex (Vera Farmiga) in diversen Hotellobbys und -suiten allmählich seine Seele wiederfindet, mutiert freilich auch Frau Keener mit jedem Stop-over mehr und mehr vom Monster zum Menschen.

Unbezahlbares Zeitdokument

Dass nicht nur Clooneys Figur, sondern auch jene des Talents Anna Kendrick sowie der abermals brillanten Vera Farmiga Konturen erhalten, ist ein Hauptverdienst des blitzgescheiten Drittlings von Jason Reitman, des nach «Thank You for Smoking» und «Juno» dritten blitzgescheiten Films dieses erst 32-jährigen Regisseurs. Luftig-leicht verbindet der stilistisch strengere neue Reitman-Meisterstreich Humor und Romantik der goldenen Hollywood-Vergangenheit mit den bleischweren Fragen der Gegenwart, die behufs Interviews mit soeben Entlassenen auch aus dem richtigen Leben akzentuiert werden. Ein Film ohne Schwächen ist das, zumal mit einer Pointe kurz vor dem Auschecken auch noch die längst antizipierte Moral von der Geschicht untergraben und in jenes differenzierende Grau getaucht wird, das schon das Vorherige so bedenkenswert gemacht hat. Die Academy hat das standesgemäss honoriert und dieses unbezahlbare Zeitdokument in sämtlichen wichtigen Kategorien nominiert: als besten Film, für die Regie, das (adaptierte) Drehbuch sowie mit Clooney, Farmiga und Kendrick bei den Darstellern.