Zweimal ein halbes Leben

Die formstarke Belgierin Virginie Efira glänzt im voltenreichen französischen Psychodrama «Madeleine Collins» als Frau in einem langsam einstürzenden Lügengebilde und avanciert so endgültig zu einer der derzeit aufregendsten Miminnen im europäischen Kino.

Filmcoopi

von Sandro Danilo Spadini

In «Victoria» (2016), «Sibyl» (2019) und «Benedetta» (2021) hat ihre Heldin dem Film jeweils grad den Titel gegeben. Hier nun weicht die 45-jährige belgische Ex-Fernsehmoderatorin und inzwischen viel gepriesene Schauspielerin Virginie Efira indes ein wenig von ihrem Schema ab: Zwar führt ihre Figur in dem thrillerhaften psychologischen Drama von Antoine Barraud gleich zwei Namen – doch keiner davon ist «Madeleine Collins». Als Judith Fauvet tritt die Dolmetscherin auf, wenn sie in Frankreich bei ihrem als Dirigent reüssierenden Mann Melvil (Bruno Salomone) und den zwei Teenagerjungs ist; Margot Soriano nennt sie sich, wenn sie in der Schweiz weilt bei ihrer zweiten Familie mit dem arbeitslosen Abdel (Quim Gutiérrez) und der vierjährigen Tochter Ninon. Madame führt mithin ein Doppelleben – dies aber nicht als Femme fatale, die abseits ihres eigentlichen Heims und Herds geheime Wünsche und delikate Obsessionen auslebt, sondern als scheinbar normal tickende Mittvierzigerin, die im «Super Mom»-Modus halt einfach zwei Leben unter einen Hut bringt. Aber natürlich trügt der heilige Schein und bröckelt die hübsche Fassade ziemlich bald einmal: Da kreuzen Leute aus dem einen Leben am anderen Ort auf, die sie in die Bredouille bringen; dort hört ihr übel pubertierender Ältester etwas mit, was so gar nicht für seine Ohren bestimmt war; und da und dort fängt es an zu knirschen in dem Lügengebilde, das sie über all die Jahre doch so sorgsam aufgebaut hat. Schon am Einstürzen ist dieses gar, bis auch Judith das sieht und hört und merkt – oder sehen und hören und merken will vielmehr. Denn solange es nur irgendwie geht, klammert sie sich an ihre Fantasie. Sie finde, es funktioniere doch ganz gut mit ihnen drei, haucht sie einmal Abdel zu, ohne zu realisieren, wie sehr er und vor allem die kleine Ninon darunter leiden, dass sie nach dem gemeinsamen Wochenende wieder für vier, fünf Tage entschwindet, der Arbeit wegen, nach Spanien oder Polen oder sonst wohin, wie sie lügt, ohne mit der akkurat getuschten Wimper zu zucken. Abdel möchte denn auch, dass das jetzt aufhört, während Melvil wohl gar nichts ahnt und die sporadisch auf der Bildfläche erscheinenden Eltern (Jacqueline Bisset und François Rostain) sowieso im Dunkeln tappen. Wir indes sind da schon zu lange dabei, um zu wissen, dass das tatsächlich aufhören wird: auf die eine oder andere Art. Das hat die unterschwellig unheilschwangere Regie frühzeitig unmissverständlich klargemacht – im Prinzip schon in der ersten Szene, die sich dann freilich doch als etwas ganz anderes entpuppt als gedacht. Wie so vieles in diesem formidablen Film.

Ein Hauch von Hitchcock

Es ist nun mal ein Ding der Unmöglichkeit, den Ansprüchen gleich zweier Leben gerecht zu werden – das ist natürlich keine bahnbrechende Entdeckung, die der als Regisseur noch weitgehend unbefleckte 50-jährige Franzose Antoine Barraud seine Heldin hier machen lässt, die schliesslich erkennen muss, dass sie am Ende bloss zwei halbe Leben geführt hat. Es ist aber auch nicht so einfach, als Filmemacher zwei unterschiedlichen Welten gleichermassen zu dienen. Und wie Barraud das hinkriegen will, wie er versucht, unparteiisch zu sein, wie er seinen Fokus paritätisch verteilt sehen möchte: Das ist nicht unspannend. Recht augenfällig ist wohl, dass ihm die Geschichte in der Schweiz mehr am Herzen liegt: Die süsse Ninon ist das weitaus bemitleidenswertere Opfer als der ewig klönende Joris und der praktisch unsichtbare zweite Sohn; und auch Abdel hat das schärfere Profil als der glatt bleibende Melvil und eröffnet sicher auch deswegen seinem Darsteller mehr Chancen zur Entfaltung. Quasi als Ausgleich sind Setting und Inszenierung in dem öfter Suspense à la Hitchcock evozierenden französischen Teil eleganter und kultivierter und insofern der eleganten und kultivierten Protagonistin angemessener. Unterschiedslos herausragend ist derweil der Auftritt von Virginie Efira. Mit zerrissenen Charakteren hat die Belgierin ja schon so ihre Erfahrungen gesammelt, und stets wusste sie dabei auch dann zu strahlen, zu glänzen, zu brillieren, wenn Bühne und Material zu wünschen übrig liessen. Doch was sie hier macht – wie erst kontrolliert und dann nuanciert die Kontrolle verlierend sie diese wohlmeinende Missetäterin gibt –, das ist raumgreifend. Atemraubend. Herzwärmend. Showstoppend. Und leinwandfüllend. Es ist ein Auftritt, der Efiras Ruf als eine der aufregendsten Miminnen des europäischen Kinos festigen wird – und der sie endgültig zum Star avancieren lassen müsste.

Richtiger Ton, richtiges Timing

Für Barraud, der zusammen mit Héléna Klotz auch das Drehbuch verfasste, ist «Madeleine Collins» hingegen erst mal eine vielversprechende Talentprobe. Gar alles gelingt ihm dabei nicht. Die Balance zwischen den beiden Handlungssträngen hält er zwar über weite Strecken gut; und das Skript macht typischerweise just in dem Moment, wo man ob einer gewissen Verwirrung allmählich die Geduld zu verlieren droht, und also gerade rechtzeitig seine Twists und Volten. Dafür hat er aber nicht jeder Szene seine maximale Aufmerksamkeit angedeihen lassen – mit dem Ergebnis, dass das optisch bisweilen ein wenig profan daherkommt, Worte ins Leere laufen und der eine oder andere Nebendarsteller die ihm gewährten Freiheiten zu schamlosem Overacting nutzt. Doch all das sind letztlich Petitessen, die überstrahlt werden von einem Gespür für den richtigen Ton; von einem wachen Geist, der die Motivation der Heldin plausibel aufzeigt und bei allem Verständnis kritisch bleibt; von der Gabe, kluge Ideen und Gedanken leicht und spannungsvoll zu präsentieren; und – um es noch ein weiteres Mal ganz gebührend zu betonen – vom genialen Gebaren, mit dem uns Virginie Efira beglückt.