Safe

 

32 Krimi hat der US-Amerikaner Harlan Coben mittlerweile veröffentlicht; und recht eigentlich eignete sich jeder einzelne von ihnen prima, in bewegte Bilder transponiert zu werden: Spannend, voltenreich und gerne mit einer grösseren Portion Schnoddrigkeit im Stil von Dashiell Hammett, Raymond Chandler und anderer Hardboiled-Spezialisten garniert sind seine in hoher Kadenz und ebenmässiger Frequenz fabrizierten, qualitativ dabei aber nie nachlassenden Pageturner. Umso verblüffender mag es anmuten, dass Coben bis heute noch nicht in Hollywood angekommen ist. Den einzigen Kinofilm, der auf einem seiner Werke beruht, schuf 2006 Guillaume Canet mit «Ne le dis à personne»; rund ein Jahrzehnt später adaptierten die Franzosen zwei weitere Coben-Bücher im Miniserienformat fürs Fernsehen; und heuer sind mit «The Stranger» und «The Woods» noch einmal zwei seiner Werke für Netflix in einen englischen Achtteiler und einen polnischen Sechsteiler übergeführt worden. In all diese Projekte war Coben persönlich als Produzent involviert – einen noch grösseren Einfluss hatte er freilich bei den von ihm gar als Serienschöpfer verantworteten britischen Produktionen «The Five» (2016) und «Safe» (2018), die beide nicht auf einem seiner Romane beruhen.

Der Achtteiler «Safe» ist wiederum ein Netflix-Kind; und wiewohl das wie gesagt keine Romanadaption ist und also wieder nicht in den USA oder spezifischer noch in New Jersey spielt, ist das ein waschechter Coben: Angesiedelt ist er im oberflächlich so biederen Milieu gut situierter Vorortsbürger, und im Zentrum des kriminellen Geschehens steht abermals weder ein Cop noch sonst eine klassische Ermittlerin, sondern ein Jedermann, dem wie weiland Cary Grant in Hitchcocks «North by Northwest» unversehens der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Unser Held wider Willen und ohne besondere detektivische Fähigkeiten ist hier der in einer «Gated Community» hausende Tom Delaney (Michael C. Hall aus «Dexter»), ein Arzt, der vor noch nicht so langer Zeit seine Frau verloren hat und nun seine ältere Tochter (Amy James-Kelly) vermisst. Die 16-jährige Jenny wurde zuletzt an einer Party gesichtet; zuvor war sie offenbar einem lange zurückliegenden Geheimnis auf die Spur gekommen, wie Tom mithilfe seines Arbeitskollegen Pete (Marc Warren) und der ihm mehr als nur nachbarschaftlich zugewandten Inspektorin Sophie (Amanda Abbington) bald einmal herausfindet. Dieses Wühlen in der Vergangenheit – wieder so ein klassischer Coben-Topos – bringt dann auch ihn in Teufels Küche und allmählich um den Verstand, als ein Verdächtiger nach dem anderen ausscheidet und Theorie um Theorie in die Irre führt. Das Miträtseln hier ist ein fast schon altmodischer Spass: Nach alter Serienväter Sitte steht nicht das Drumherum im Fokus; weder sind die Schauspieler besonders spannend, noch sind Setting und Inszenierung übermässig fancy. König ist hier unmissverständlich der Plot, der von A bis Z wohldurchdacht und spannungstechnisch perfekt durchgetaktet ist. Und sosehr all die grossen Serien im Kinoformat auch begeistern, so ist das dann doch auch wieder einmal eine willkommene Abwechslung. Wie Cobens Bücher nicht den Status von Weltliteratur anstreben, so mögen auch seine Fernseharbeiten bescheidene Ziele verfolgen. Doch diese erreichen sie ebenso sehr mit Bravour. Und deshalb darf man denn auch hellauf begeistert sein, dass sich Netflix die Rechte an gleich 14 Coben-Krimis gesichert hat. Als Nächstes geht dabei der spanische Achtteiler «El innocente» an den Start. Ob aus der Kinoverfilmung von «Fool Me Once» mit Julia Roberts als Produzentin und Hauptdarstellerin noch jemals was wird, bleibt derweil abzuwarten. Das Projekt ist seit vier Jahren in der Schwebe – und bestätigt damit die Bedenken, die Coben ohnehin schon gegenüber Hollywood hat. Aber wer braucht heutzutage schon noch Hollywood?