Oliver der Grosse bläst zum Angriff

Mit der ambitionierten Grossproduktion «Alexander» hat sich Meisterregisseur Oliver Stone einen Lebenstraum erfüllt und scheitert letztlich knapp, aber alles andere als kläglich.

 

von Sandro Danilo Spadini

Die erste Schlacht hat Oliver Stone jedenfalls gewonnen: Die parallel geplante Verfilmung des Lebens Alexanders des Grossen durch Baz Luhrmann wurde vor geraumer Zeit auf Eis gelegt. Ob aus dem Projekt überhaupt noch etwas wird, ist mehr als fraglich. Das absurde Szenario mit zwei konkurrierenden «Alexander»-Filmen ist Hollywood wohl nicht zuletzt deshalb erspart geblieben, weil Stone nicht einfach nur der Schnellere, sondern auch der Beharrlichere war. Denn mit seinem 150-Millionen-Dollar-Epos über den makedonischen Herrscher hat sich der «JFK»-Regisseur einen Lebenstraum erfüllt, den er ob all seiner vielen nicht minder herzbluttriefenden Werke nie aufgehört hat zu träumen.

Subjektive Sicht

Es ist dies Stones erster Historienschinken, doch wagt er sich freilich nur vordergründig in neue Gefilde vor; die Hauptmotive des Films sind nämlich grosso modo dieselben wie in fast allen anderen stoneschen Epen: Es geht um Krieg, Macht und Grössenwahn, um Träumer und Tyrannen, Visionäre und Verbrecher, Edelmänner und Egomanen, Genies und Wahnsinnige – und um Menschen, die all dies gleichzeitig verkörpern. Ob die Schlacht von Soldaten wie in seiner Vietnam-Trilogie, von Börsianern («Wall Street»), Politikern («Nixon») oder Sportlern («Any Given Sunday») geführt wurde – immer standen starke und zerrissene Männer im Zentrum, Getriebene und Rastlose wie Stone selbst. Und immer übermittelte der Regisseur seine Lebensphilosophie, seine ganz subjektive Sicht der Dinge, oft spekulativ, oft polemisch, oft sensationslüstern. Oliver Stone sieht die Dinge, wie er sie sehen will, erhebt dabei aber einen gewissen Wahrheitsanspruch und lässt keine Widerrede gelten. Das ist meist wenig sympathisch und vielfach unbequem, doch ist der Vietnam-Veteran einer, der sich in der jeweiligen Materie auskennt – ein Eiferer zwar, ein Besessener, aber zugleich einer der klügsten Köpfe des heutigen Kinos und einer der grössten Filmemacher der Gegenwart, in dessen adrenalingeladenen Bilderräuschen der Himmel (und bisweilen die Hölle) die Grenze ist.

Krieg verloren

Wo er mit «Alexander» hinwill, wird bereits in der Ouvertüre deutlich: Der Makedonenkönig (Colin Farrell) liegt im Sterbebett, aus seiner toten Hand kullert ein Ring zu Boden. So, wie das gefilmt ist, fällt es nicht schwer, hier den Bezug zu «Citizen Kane» – dem notabene besten Film aller Zeiten – herzustellen. Stone will also auf den Olymp, er will Filmgeschichte schreiben. Als Nächstes tritt Anthony Hopkins als Alexanders einstiger Weggefährte Ptolemäus auf, der fortan als Erzähler und Moderator durch das fast dreistündige Programm geleitet, das die wichtigsten Lebensstationen und -situationen des Titelhelden abdeckt: Kindheit, Unterricht bei Aristoteles, die Beschwörungen seiner Mutter Olympias (grandios: Angelina Jolie), die Schlacht bei Gaugamela gegen den persischen Herrscher Dareios, den Einzug in Babylon, die durch seine Bisexualität hervorgerufenen Liebesirrungen, die Expedition nach Indien, eine weitere Schlacht daselbst und – in einer konzeptionell fragwürdigen Rückblende – die Ermordung seines Vaters (Val Kilmer), Verrat und Verschwörung und schliesslich den Tod 323 v. Chr. im Alter von 32 Jahren. Stark, vielleicht etwas zu stark akzentuiert wird zudem die griechische Mythologie, und wer will, wer wirklich will, darf sogar Parallelen zum aktuellen US-Politgeschehen ausmachen. Eine Menge Fleisch ist da also am Knochen, und gleichwohl taugt «Alexander» kaum zur fundierten Biografie. Neben Idealisierungen und historischen Ungenauigkeiten, an denen sich der Fachmann trotz überaus unklarer Faktenlage stossen mag, sind es sicherlich Auslassungen, die Stones teils erstaunlich ruhigen und dialogintensiven Film für den Geschichtsunterricht disqualifizieren. Noch viel weniger als ein Biopic im engeren Sinne ist «Alexander» aber ein Schlachtengemälde – wenngleich in den beiden in massvoller Länge gehaltenen, meisterhaft inszenierten Kampfeshandlungen Stones Handschrift und der Kontrast zu Hochglanzepen wie «Troy» am deutlichsten hervortreten: Erdig, staubig, blutig, grausig, lebendig, hysterisch und hypnotisch sind diese rasant geschnittenen, mitunter optisch verfremdeten Szenen. Letztlich ist es aber wiederum ein vielschichtiges Psychogramm, das Stone hier angestrebt hat und mit dem er trotz allen Herzbluts, trotz formaler Brillanz, trotz imposanten Set-Designs, trotz weit gehenden Verzichts auf digitale Überarbeitungen und überbordendes Pathos knapp scheitert. Die US-Presse liess an «Alexander» kaum ein gutes Haar, und auch das Publikum mochte Stone nicht folgen. Unter dem Strich heisst dies, dass Stone einige Schlachten gewonnen, den Krieg jedoch verloren hat. Das Schlachtfeld darf er indes erhobenen Hauptes verlassen.