Das nackte Grauen im tödlichen Chaos

Ein Film wie ein Tollwutanfall: Der in der Tradition von «The Blair Witch Project» stehende spanische Horrorthriller «[Rec]» vermag einem einen Höllenschreck einzujagen.

 

von Sandro Danilo Spadini

Eigentlich ist die Sache mit diesen Horrorthrillern ja ziemlich absurd. Da werden zwar die technischen Hilfsmittel immer ausgeklügelter und so die Möglichkeiten zur Erzeugung von Schauerbildern immer vielfältiger; doch letztlich sind es regelmässig just jene budgetbewussten Filme, die auf jeglichen Schnickschnack verzichten (müssen), welche den Adrenalinpegel des Publikums in die Höhe zu pumpen vermögen. Im Extremfall schaut das dann so aus, dass eine einzelne Kamera im Amateurvideo- oder allenfalls Dok-Stil den ganzen Spuk einfängt und auf eine Nachbearbeitung des Materials vermeintlich verzichtet wird – eine mit dem Gassenhauer «The Blair Witch Project» vor fast zehn Jahren salonfähig gewordene Methode, der sich unlängst sogar die Hollywood-Produktion «Cloverfield» recht erfolgreich bedient hat. Die Filmleute machen sich hier sozusagen einen gesellschaftlichen Anti-Trend zu Nutze: Derweil einerseits technische und ästhetische Perfektion zum Gebot erkoren werden, lechzt der Zeitgeist gleichzeitig nach rauem und rohem Realismus.

Dem Realismus verschrieben

Vom letzteren Teil der obigen Feststellung zeugen nicht zuletzt all die höchst rentablen Reality-TV-Formate, und ebendieses Phänomen wird im spanischen Überraschungserfolg «[Rec]» aufgenommen. In diesem Horrorthriller sind es die ehrgeizige Jungreporterin Ángela (Manuela Velasco) und ein stets Professionalismus wahrender und also gesichtslos bleibender Kameramann, die im Zuge einer Fernsehreportage über eine Feuerwehrstation in Barcelona zu den Referenzpersonen in einer veritablen Gruselgeschichte werden. Dass sich die Regisseure Jaume Balagueró und Paco Plaza bei deren Schilderung einem höchstmöglichen Realismus verschrieben haben, wird schon zu Beginn evident. Unter Aussparung sämtlicher Vorspann-Credits wird sogleich ins Geschehen hineingehechtet, das dann wiederum im Dienste der Unmittelbarkeit auf jedwede potenziell Distanz erzeugende Elemente wie etwa einen Soundtrack verzichten wird. Nachdem der Wunsch der bald gelangweilten Ángela erhört worden ist und die Sirene in der Feuerwehrstation aufgeheult hat, kommt zum technischen schliesslich auch noch ein Set-Minimalismus dazu. Begrenzt auf ein Mehrfamilienhaus in mediokrem Zustand als einzigem Schauplatz, konterkariert das nun Gezeigte gleichsam den inszenatorischen Realismus. Mysteriöse Dinge tragen sich in den nur knapp 70 Minuten Spielzeit zu – tief in der Genretradition verwurzelte Dinge, die keiner plausiblen Erklärung bedürfen und zur Neu-Klassifizierung von «[Rec]» als einer formal-inhaltlichen Kreuzung zwischen dem bereits angesprochenen «Blair Witch Project» und dem meisterhaften Danny-Boyle-Schocker «28 Days Later» verleiten. Da die Filmemacher dem Publikum keinerlei Wissensvorsprung gewähren, bleibt lange unklar, was einige Bewohner des Schreckenshauses zu einem irritierend gewalttätigen Gebaren verleitet. Klar ist einstweilen nur, dass das Haus von den Behörden abgeriegelt worden ist und die darin gefangene Schicksalsgemeinschaft isoliert und auf sich alleine gestellt ist.

Angriff aufs Nervenkostüm

Komplett aus der Sicht der TV-Kamera gefilmt, gelingt es diesem Tollwutanfall von einem Film immer wieder, einem mit simpelsten Mitteln einen Höllenschreck einzujagen. Wegen der extrem verwackelten Bilder ist freilich die meiste Zeit kaum was zu erkennen, was die Nerven nicht gerade schont, aber einem wenigstens die garstigsten Details erspart und im Sinne der altbekannten Macht des Nichtgezeigten die Suspense steigert. Bei aller offensichtlichen Abweichung von traditionellen Verfahren finden sich indes auch ganz klassische Motive wie die Bestrafung der moralisch-ethisch herausgeforderten Reporterin. Zur eigentlichen Medienkritik weitet sich das Ganze dann aber doch nicht aus, wiewohl sich eine Schwippverschwägerung zu Billy Wilders diesbezüglichem Klassiker «Ace in the Hole» problemlos ausmachen liesse. So oder so: Wenn der noch lange zwischen Sensationslüsternheit und nackter Furcht taumelnden Ángela schliesslich das künstliche Grinsen vom geschminkten Gesicht gewischt wird, schimmert eine gewisse Genugtuung seitens der Regisseure durch.