von Sandro Danilo Spadini
Er sei unfähig, einen Fall nicht zu lösen, sagt der wort- und weltgewandte Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) in
«Wake Up
Dead Man» einmal gewohnt unbescheiden. Und wer die beiden Vorgängerstreifen der in Agatha-Christie-Manier gehaltenen «Knives Out»-Reihe gesehen hat, dürfte dazu neigen, ihm da zuzustimmen.
Freilich dauert es im dritten Teil der von Regisseur Rian Johnson («Brick», «Looper») verantworteten Netflix-Produktion geschlagene 40 Minuten, bis Blanc die Bühne betritt – und diese
selbstredend in Beschlag nimmt. Davor (und auch danach durchaus auch noch ein gutes bisschen) ist das der Film von Pater Jud Duplenticy (Josh O’Connor), einem Geistlichen, der gleichsam auf dem
zweiten Bildungsweg zu Gott gefunden hat. In seinem früheren Leben war Jud Boxer, und im Ring hat er einst einen Mann getötet: weil er ihn gehasst hat, weil er ihn töten wollte. Danach indes ist
er in eine Sinnkrise gestürzt, ist dem Suff und dem Rausch erlegen und allerhand anderem Lastern. Mittlerweile ist er aber im Schoss der Kirche gelandet und will die Welt umarmen, statt sie zu
bekämpfen. Die alten Impulse dringen zwar immer noch bisweilen durch, etwa wenn er einen allseits verhassten Diakon nach der einen reaktionären Aussage zu viel mit einer rechten Geraden
niederstreckt, infolgedessen er in eine Pfarrei im ländlichen Teil New Yorks strafversetzt wird. An seiner neuen Wirkungsstätte jedoch stellt er sich so mildherzig wie resolut dem rabiaten
Hassprediger Monsignore Jefferson Wicks (Josh Brolin) entgegen. Der hält seine kleine, aber unfeine Herde aus Verzweifelten und Verbitterten, Verlorenen und Verfemten, Vehärmten und Verhärteten,
Verstörten und Verschlagenen an der ganz kurzen Leine, indem er ihre Wut auf die Welt anfacht und sie gleichzeitig immerzu an ihre Unzulänglichkeiten gemahnt. Und weil dieser charismatische
spirituelle Führer die Kunst der Manipulation so perfekt beherrscht und seine Autorität formvollendet ausspielt, folgen ihm seine Schäfchen blind – und sind entsprechend am Boden zerstört, als
Wicks während des Gottesdiensts an Karfreitag mit einem Messer im Rücken zusammenklappt und das Zeitliche segnet. Der Verdächtige ist denn auch fix gefunden: der latent aggressive Neuankömmling
Jud – nach eigener Aussage «jung, dumm und voll von Christus, bereit für alles». Denn der hatte Wicks doch erst gerade kürzlich vorgeworfen, die Kirche zu vergiften, und versprochen, sie zu
retten – wenn es denn sein müsse, indem er ihn wie ein Krebsgeschwür rausschneide.
Eine knackige Schar von Verdächtigen
So, und nun also hat endlich ein anderer Charismatiker seinen grossen Auftritt, ein ungleich geschmeidigerer notabene: der «stolze Ketzer» Benoit Blanc, der «am Altar des Rationalen» kniet und
wenig bis nichts übrighat für die Theatralik der katholischen Kirche. Weil dieser Fall «weit über normale Polizeiarbeit hinausgeht», wie es der privat ermittelnde Dandy nennt, haben die lokalen
Strafverfolgungsbehörden um Chefinspektorin Geraldine Scott (Mila Kunis) ihn hinzugezogen. Ein Mordfall wie dieser sollte seiner Einschätzung nach gar nicht existieren in der realen Welt. Aber
natürlich ist er gekommen, um ihn gleichwohl zu lösen. Eines scheint für ihn dabei von Beginn weg klar zu sein: Der Hauptverdächtige ist unschuldig. Und daher bittet er Jud um Assistenz. Er soll
ihm dabei helfen, zu deduzieren, welches von Monsignore Wicks Schäfchen ans Ende der Fahnenstange gelangt ist und die Notbremse gezogen hat. Etwa der trunksüchtige Arzt Nat (Jeremy Renner), der
ob seines gebrochenen Herzens ins Radikale abgleitet. Oder der gestrauchelte Sci-Fi-Autor Lee (Andrew Scott), der mehr und mehr dem Paranoiden verfällt? Die Anwältin Vera (Kerry Washington), die
Wicks ohnehin kritisch sieht? Deren Adoptivsohn Cy (Daryl McCormack), der sich als glühender MAGA-Republikaner auf seinem Irrweg auch von kläglichen Wahlniederlagen nicht beirren lässt? Die
körperlich versehrte Musikerin Simone (Cailee Spaeny), die ihr ganzes Vermögen auf eine von Wicks herbeihalluzinierte Heilung gesetzt hat? Die nibelungentreue Martha (Glenn Close), die ihr ganzes
Leben in der Pfarrei verbracht hat und alles weiss, was es zu wissen gibt? Oder war es eben doch der Gärtner, der trockene Alkoholiker Samson (Thomas Hayden Church), der Einzige freilich, dem man
eine reine Seele attestieren würde? Klar ist: Es ist alles unklar. Und auch: Es ist eine ziemlich knackige Schar von Verdächtigen, die jedem «Whodunnit» gut anstehen würde und es einem sehr
leicht macht, motiviert mitzurätseln.
Ein alle überstrahlender Daniel Craig
Bewundernswert und überaus verheissungsvoll ist es, wie Rian Johnson das Niveau der 2019 gestarteten «Knives Out»-Reihe auf spielerisch elegante Weise aufrechtzuerhalten vermag. «Wake Up Dead
Man» ist nun zweifellos der heiterste Teil – nicht nur die Dichte der Gags ist erstaunlich, sondern auch deren Qualität. Gleichzeitig hat diese fast zweieinhalbstündige Krimikomödie aber auch
etwas unverhofft Gotisch-Düsteres, was ihr auf der Atmosphäre-Skala manchen Punkt einbringt. Und auch in philosophische Gefilde wagt sie sich immer wieder vor und strauchelt dabei keineswegs: Da
gibt es zwischen all dem geharnischten Geplänkel doch allerhand Sätze über den Glauben, die man sich ins mentale Notizbuch schreiben möchte, um sie bei nächster sich bietender Gelegenheit
gewinnbringend zum Besten geben zu können. Es ist das eine sehr scharfsinnige und scharfzüngige Spielerei, aber auch eine überraschend sanftmütige und grossmütige, die etwa nie den Glauben an
sich an den Pranger stellt und sich schon gar nicht über die Krisen und Dilemmas von Pater Jud wohlfeil lustig macht, sondern sich bei aller Neckerei stets einen gewissen Respekt bewahrt. Etwas
unzimperlicher ist der von Johnson auch als Drehbuchautor gezeichnete Film derweil bei seiner Gesellschaftskritik. Es braucht nicht viel Fantasie, in der frenetischen Verlogenheit von Monsignore
Wick und der störrischen Gefolgschaft seiner Schäfchen eine Parallele zu einem hässlich hartnäckigen Phänomen der Gegenwart auszumachen; und die grauslichste Figur in diesem Gruselkabinett ist
zweifelsohne der gewissenlose Möchtegern-Social-Media-Politstar Cy. Aber auch das sind letztlich nur Spitzen – in Gift getränkte Spitzen womöglich, aber eben keine Holzhämmer, die mit Gottes Zorn
geschwungen werden. Dafür hat sich «Wake Up Dead Man» dann doch viel zu sehr dem Spielerischen verschrieben, jenem so irrsinnig wendungsreichen Spiel, das dieser Benoit Blanc so meisterhaft
beherrscht. Dessen nonchalante Unnachgiebigkeit ist es, die den Film immer wieder erdet und zurückholt auf den Boden, auf dem wahrhaft grosse Krimirätsel so prächtig gedeihen. Ein bombastisches
Bravo und ein husarenhaftes Hurra gehen da an die Adresse von Daniel Craig, der mit dem derzeit viel beschäftigten britischen Landsmann Josh O’Connor («Challengers») zwar einen nachgerade
kongenialen Sparringspartner hat und auch ansonsten mit ausnahmslos gut bis superb aufgelegten Spielkameraden scharwenzelt – der diese dann aber doch überstrahlt mit einem trockenen Charme, der
wie der Film die Balance zwischen Witz und Verve wahrt.