von Sandro Danilo Spadini
Das Streben nach Grösse – es ist eine Tugend, die den Amerikanern mehr eingeschrieben ist als jedem anderen Volk dieser Welt. Und die Zahl derer, die sich zu Höherem berufen fühlen,
ist entsprechend nirgends höher als in dem Land, wo sie stur davon überzeugt sind, dass die Möglichkeiten unbegrenzt sind. Zumindest war das noch so in den Fünfzigerjahren, etwa im Lower
Manhattan des Jahres 1952, wo sich diese vollkommen verdrehte und verrückte uramerikanische Geschichte abspielt, die Geschichte des schmächtigen, schnauzbärtigen 23-jährigen Marty Mauser
(Timothée Chalamet) oder, wie er im richtigen Leben hiess, Marty Reisman, auf dessen Autobiografie das neunfach Oscar-nominierte Schelmendrama
«Marty Supreme» lose basiert. Mauser ist eben einer jener Menschen, die mit hochtrabendendem Pathos und
gänzlich ironiefrei von sich sagen, dass sie eine Bestimmung hätten – und dass diese Bestimmung auch eine Verpflichtung sei, die Opfer abverlange. In seinem Fall ist das: das Gesicht seines
Sports in den Vereinigten Staaten zu sein. Ungünstig bloss, ist sein Metier das Tischtennis – eine Randsportart, in der, zumal in der damaligen Zeit, auch die Besten der Besten nicht reich
werden. Marty kommt gar nur geradeso über die Runden, weil er noch daheim bei der hypochondrischen, manipulativen und, wie er findet, ihn sabotierenden Mutter (Fran Drescher) lebt und sich nach
der Kündigung seines Jobs als Schuhverkäufer im Laden seines Onkels (Larry «Ratso» Sloman) mit Taschenspielertricks und Kleinkriminellem einen Zustupf verdient. Dabei ist er doch amtierender
Vizeweltmeister, nachdem er beim Turnier in London sich erst im Endspiel dem hoch überlegenen japanischen Wunderspieler Koto Endo (Koto Kawaguchi) hat geschlagen geben müssen – seinem neuen
sportlichen Erzfeind. Der indes ist nicht die einzige Begegnung in Englands Kapitale, die fürderhin sein Leben prägen, ja sein Schicksal mitbestimmen wird: Mit dem Kugelschreiberfabrikanten
Milton Rockwell (Kevin O’Leary) trifft er nicht nur einen knallharten Wirtschaftskapitän, den er immer wieder als Sponsor einzuspannen sucht, sondern auch den Gatten des längst verblühten
Kinostars Kay Stone (Gwyneth Paltrow). Mit der mehr als doppelt so alten High-Society-Lady geht er wie mit seiner verheirateten Nachbarin und Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion) eine Affäre
ein, die immer dann auf «on» geschaltet wird, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Liebe ist das freilich nicht. Denn Martys Liebe, die gehört dem Pingpong.
Form und Inhalt in Einklang
«Marty Supreme» ist das erste Soloprojekt von Regisseur Josh Safdie seit dem Bruch mit seinem Bruder Benny. Die Wege, die die beiden seit der Trennung eingeschlagen haben, oder zumindest die
ersten Schritte auf diesem Weg ähneln sich allerdings frappant: Derweil Benny im Oktober letzten Jahres mit «The Smashing Machine» ein Biopic über den Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr
herausbrachte, legt jetzt kurz darauf Josh also ebenfalls ein Sportlerdrama vor. Und während sein Bruder Dwayne «The Rock» Johnson zur besten Leistung seiner Karriere antrieb, tut er das hier mit
dem nunmehr bereits zum dritten Mal für den Oscar nominierten Shootingstar (oder besser wohl: Superstar) Timothée Chalamet. Bei der Qualität des Films als Ganzes indes klafft dann doch eine
beträchtliche Lücke, und zwar zugunsten von Josh. Im Gegensatz zu Benny hat er auch gleich den fiebrig-wuselig-wirbligen Inszenierungsstil der gefeierten gemeinsamen Arbeiten «Good Time» und
«Uncut Gem» beibehalten. Das hektische Tischtennisspiel gleichsam spiegelnd, ist das hier ein mit teils grenzwertig schwarzhumorigen und bisweilen bitterbösen verbalen Schlagabtauschen und baren
Boshaftigkeiten gespicktes Nonstop-Stakkato, das sagenhaft energiegeladen, immerzu elektrisierend und auf die sehr lange Dauer von 150 Minuten ähnlich wie der letztjährige Oscar-Abräumer «Anora»
auch ein bisschen enervierend ist. Und wie sein Protagonist ist der Film selbst auch ziemlich gaga, ein wilder Trip, eine trippige Achterbahnfahrt, durchsetzt mit manch nachgerade bizarrer Szene
und komplett sinnfrei untermalt von einem lupenreinen Achtziger-Soundtrack. Der Wahnsinn ist hier Programm, und er hat einen Namen: Marty. Ein verbissener und übellauniger, grossmäuliger und
grössenwahnsinniger, respektloser und skrupelloser Irrer, der ohne den allergeringsten Hauch eines Zweifels von sich und seinem Traum überzeugt ist. Ein halbseidener Hallodri-Hochstapler im
Kleinformat, der weder besonders charmant noch allzu attraktiv daherkommt. Ein Stehaufmännchen auch, das sich nicht allzu lange mit seinen (mannigfaltigen) Niederlagen aufhält und sowieso immer
den anderen die Schuld daran gibt. Ein egomanischer Narzisst schliesslich, der so gar nicht als Menschenfreund durchgeht und seiner Natur gemäss denn auch nicht eben hartnäckig um unsere
Sympathien buhlt. Und gerade das wird sich im Finale dann als Problem erweisen.
Praktisch eine Miniserie
Oder sagen wir: als Problemchen. Denn dass der emotionale Pay-off am unerwartet und doch recht unpassend rührselig-sentimentalen Ende nicht allzu hoch ausfällt, ist verkraftbar. Zu viel wurde uns
im Vorfeld geboten in diesem mit seinen satten, tiefen, lebendigen Farben und seiner 35-mm-Film-Textur prächtig nostalgisch ausschauenden Streifen, dessen Kostüm- und Produktionsdesign ebenso
Bestnoten (und je eine Oscar-Nominierung) verdient haben wie die keineswegs im langen Schatten des überragenden Timothée Chalamet verblassende unkonventionelle Besetzung, in der sich mit dem
kanadischen Unternehmer Kevin O’Leary, dem Rapper Tyler, the Creator oder dem durch eine Strassenumfrage berühmt gewordenen Luke Manley einige Debütanten, mit Abel Ferrara und David Mamet auch
zwei renommierte Regisseure, mit Larry «Ratso» Sloman ein Kultautor und mit Fran Drescher sowie Sandra Bernhard zwei altgediente Komikerinnen finden. Eingedenk des wahnwitzigen Tempos, das hier
von Anfang bis Ende gehalten wird, und der zweieinhalbstündigen Überlänge ist das von seinem prallen Inhalt her eigentlich ohnehin eher eine Miniserie als ein Film: eine weit- und weltläufige
Schelmengeschichte in der Tradition von «Catch Me if You Can» oder «The Wolf of Wall Street», die zwar nicht alle Tassen im Schrank, aber ganz viel auf dem Kasten hat. An deren Ende ist man wohl
ziemlich erschöpft und dezent verwundert. Gleichwohl wiegt man sich restlos befriedigt in der Gewissheit, hier Zeuge von etwas Grossem geworden zu sein.