von Sandro Danilo Spadini
Ein seit Jahren verlassener Leuchtturm. Raue See. Steife Brise. Und nur ein Bewohner auf der ganzen Insel: ein stämmiger Kerl mit grauem Vollbart, der den ganzen Tag nichts anderes
tut, als mit seinem namenlosen Schäferhund zu reden, gegen sich selbst Schach zu spielen und Wodka zu kippen. Alles sehr mysteriös – und deshalb natürlich wahnsinnig interessant für die
halbwüchsige Jessie (Bodhi Rae Breathnach), die mit ihrem Onkel einmal in der Woche mit dem Boot zu dem Fremdem rausfährt, um ihn mit dem Nötigsten (hauptsächlich Wodka) zu versorgen. Der jedoch
ignoriert das neugierige und zusehends aufdringlichere Mädchen eiskalt – so lange jedenfalls, bis er von seinem Fenster aus beobachtet, wie es und ihr Onkel ein Raub der Wellen werden. Da muss er
sich dann doch zugestehen, dass er noch immer ein menschliches Wesen ist, dass unter seiner titanharten Schale doch ein Kern schlummert, der vielleicht nicht gerade butterweich, aber zumindest
ein bisschen teigig ist. Dann also rein in die Fluten. Das kann er ja. Manns genug dafür ist er dreimal. Er, der frühere Marine. Der einst auf Geheiss der britischen Regierung auf dem ganz kurzen
Dienstweg in pechschwarzen Geheimoperationen Staatsfeinde gekillt hat. Den sie später als «Goldstandard» bezeichnen werden. Als «Präzisionsinstrument». Und der vor allem verkörpert wird von:
Jason Statham.
Nicht mal seinen Namen will er nennen
Jason Statham ist einer jener Schauspieler, die quasi ihr eigenes Genre sind. Bei einem Jason-Statham-Film weiss man von vornherein immer haargenau, was man bekommt: zunächst einmal
selbstverständlich massenhaft Haue – abwechslungsweise mit oder ohne Hilfsmittel, im klassischen Box- oder im Karate-Stil. Geschossen wird zweifellos auch. Und nicht fehlen dürfen Autos: die der
lauten, PS-starken Sorte. Ein Jason-Statham-Film hat eine starrere Struktur als ein sechshebiger Jambus. Und man wird angesichts der achteinhalb Milliarden Dollar, die seine Filme bis dato
eingespielt haben, den Tag nicht erleben, an dem der frühere Olympia-Wasserspringer auch nur einen Millimeter davon abweicht, um die erlauchte Sphäre der ernsthaften Vertreter seiner Zunft ins
Visier zu nehmen, und, sagen wir, einen in sich versunkenen Schöngeist gibt. Aber immerhin: In seinem neuen Vehikel
«Shelter» lässt ihn Regisseur Ric Roman Waugh durchaus liebreizende Zeichnungen anfertigen, etwa von seinem
Hund. Das ist doch schon mal ein Anfang auf dem Weg zur Menschwerdung dieses Zinnsoldaten, den er hier wieder spielen muss. Spielen darf. Spielen will. Und auch wenn die primäre Musse dieses
Mannes, der gegenüber der bei ihm gestrandeten und um ihren Onkel trauernden Jessie nicht einmal seinen Namen preisgeben will, das Töten bleiben wird: Es werden weitere Schritte in diese Richtung
folgen. Deren folgenschwerster: Als Mason, wie er tatsächlich heisst, aufs Festland fährt, um Antibiotika für die verwundete Jessie zu besorgen, wird er von einer Sicherheitskamera identifiziert,
die Teil eines flächendeckend angelegten, skandalumtosten Überwachungssystems der Regierung ist. Und dieses System ist das Baby des soeben als Bauernopfer «zurück in die Schatten» geschickten
Geheimdienst-Obergurus Manafort (Bill Nighy), der seine neu gewonnene Obskurität sogleich schamlos auszunutzen gedenkt, um seinen einstigen Zögling Mason auslöschen zu lassen. Denn der hat ihn
damals, vor zehn Jahren, dermassen bitterlich enttäuscht, dass es den hageren Bürokraten auch heute noch fuchst und juckt und schmerzt wie ein Pickel am Arsch und er seinen Gefühlen nur noch mit
einem «Shit» und einem «Fuck you» Luft zu verschaffen vermag. Also hetzt er auf seinen früheren Lieblingsschüler einen von dessen besonders brutalen Nachfolgern an, nachdem Mason daheim in seinem
Exil auf den Äusseren Hebriden einen ganzen Killertrupp des MI6 ausgelöscht hat. Der Auftrag: «bei Sichtkontakt erschiessen». Und in Bezug auf die Kleine, die Mason auf seiner schliesslich bis
nach London führenden Flucht im Schlepptau hat: «eliminieren». Man kann mithin nicht behaupten, dass die Rollen von Gut und Böse hier unzweideutig verteilt wären. Aber was ist schon zweideutig in
einem Jason-Statham-Film?
Eine spannende Talentprobe
Der viel beschäftigte Regisseur Ric Roman Waugh («Greenland») ist denn auch kein Mann der Zwischentöne. Als ehemaliger Stuntman setzt er seine Prioritäten woanders. Und da er auch schon mit Stars
wie Gerard Butler oder Dwayne Johnson gearbeitet hat, weiss er, was ein wesensverwandter Vierschröter wie Jason Statham braucht, um seine Stärken ausspielen zu können. Eine ausgeklügelte Handlung
oder auch nur ansatzweise originelle Ideen gehören nicht dazu – da kann man sich auch easy bei Filmen wie «The Bourne Identity», «Léon: The Professional», «John Wick» oder für eine Schiesserei in
einem Nachtclub bei «Collateral» bedienen. Auch ausgefeilte Dialoge sind definitiv kein Muss. Die klingen hier mehr so wie: «Ich wusste gar nicht, dass du Schach spielst.» – «Du hast nicht
gefragt.» Aber wohlgemerkt redet «The Stath» hier mit einem Kind: zwar nur in Hauptsätzen und ohne ausschmückende Adjektive, dafür aber je länger, je mehr. Und das entpuppt sich neben der
genrespezifischen Expertise von Waugh einigermassen wider Erwarten als eine der Qualitäten, die «Shelter» zu einem geradeso tolerierbaren Jason-Statham-Film machen. Denn mit der 15-jährigen Bodhi
Rae Breathnach ist hier eine Jungaktrice zu sehen, die bisweilen zwar allzu gestenreich zu Werke geht und noch ein wenig in ihrer Rolle als Shakespeare-Tochter Susanna in «Hamnet» festzustecken
scheint. Die aber gleichwohl beweist, dass sie zu den spannenderen Talenten ihrer Generation gehört, und beherzt gegen die fürchterlich generische Zeichnung ihrer Figur anspielt. Und weil das
auch andere tun und nicht blosse Pappkameraden sein wollen, gibt es hier auf mimischer Ebene unerwartet viel zu sehen – zuvörderst von dem stets wunderbaren Bill Nighy, aber auch von
Whitney-Houston-Darstellerin Naomi Ackie, von Harriet Walter als Premierministerin oder vom TV-Veteranen Daniel Mays, wenn sich ihnen denn eine seltene Gelegenheit bietet. Die bare Idiotie von so
mancher Szene vermögen zwar weder sie noch die dafür dann doch zu profane und letztlich auch zu schwunglose Inszenierung und der gar nicht mal üble Soundtrack zu übertünchen; aber um dem Ganzen
einen Hauch Ambition zu verleihen und es einen Tick und einen Kick über den Durchschnitt zu heben, reicht es knapp.