von Sandro Danilo Spadini
Vielleicht ist es am Ende einfach nur konsequent, was die Filmindustrie da jeweils zum Ende des Jahres macht: dass sie nämlich auf all das pfeift, was Weihnachten in einer idealen
Welt eigentlich ausmachen sollte. Eine Zeit der Besinnlichkeit, die das Beste in uns hervorbringt? Träumt weiter! Weihnachten ist beileibe nicht nur in vielen Familien, sondern eben auch in
Hollywood und anverwandten Orten die Zeit, um dem schrillen Kommerz zu frönen und sich von seiner schlechtesten Seite zu zeigen. Zugegeben: Früher war das besser. Aber früher war bekanntlich mehr
Lametta. Und man muss dabei nicht gleich bis ins Jahr 1946 und zu Frank Capras genredefinierendem Klassiker «It’s a Wonderful Life» zurückgehen. Es lassen sich da guten Gewissens etwa auch
Komödien wie «While You Were Sleeping» (1995) und natürlich «Home Alone» (1990) heranziehen. Seinen Höhepunkt erreichte das Genre dann gar erst im Jahr 2003: mit dem lieblichen Meisterwerk «Love
Actually», dem Will-Ferrell-Klamauk «Elf» und dem bitterbösen «Bad Santa» als krasses Kontrastprogramm. Seither freilich ging es rapider bergab als in der Schlittelszene aus dem legendären
Chevy-Chase-Schwank «National Lampoon’s Christmas Vacation» (1989), und es kam allzu oft zu Totalabstürzen wie dem Unsympathlertreffen «The Family Stone» (2005), dem deutschen Desaster «Alles ist
Liebe» (2014) und – unvergessen, weil unverzeihlich – der George-Michael-Andenken-Schändung «Last Christmas» (2019). Wenn dann doch mal etwas erquickte, kam es garantiert aus dem
Independent-Sektor: etwa Clea Duvals «Happiest Season» (2020) oder allen voran Alexander Paynes Weltklasseweihnachtsfilm «The Holdovers» (2023). Und just das, zusammen mit dem Namen von Regisseur
Michael Showalter, war es, was leise Hoffnung gemacht hatte bei
«Oh. What. Fun.», der Familienkomödie, mit der Hollywood heuer um unser aller Gunst buhlt.
Ein bisschen überkandidelt und kontrollwütig
Die gute Nachricht ist: «Oh. What. Fun.» ist nicht mieser als «Last Christmas». Die schlechte: Viel besser ist das auch nicht. Es ist das freilich ein Film mit einer Botschaft, einer überhaupt
nicht verkehrten obendrein: dass Müttern in der Weihnachtszeit zu wenig Wertschätzung entgegengebracht werde. Das postuliert er bereits in der Vor-Vorspann-Sequenz. Und dann gleich nach dem
Vorspann wieder. Und dann im Prinzip nonstop, bis wir nach 107 sehr, sehr langen Minuten endlich erlöst werden. Die, die das so vehement beklagt, ist die texanische Matriarchin Claire Clauster
(Michelle Pfeiffer): eine zweifellos liebenswürdige, aber auch ein wenig überkandidelte und kontrollwütige Vorstadthausfrau, der Weihnachten die liebste Zeit des Jahres ist. Das nicht zuletzt
deshalb, weil dann jeweils die längst ausgeflogenen Küken für ein paar wohlige Tage ins Nest zurückkehren: die erfolgreiche Autorin Channing (Felicity Jones) mit ihrem linkischen Gatten Doug
(Jason Schwartzman) und den beiden Zwillingen im Schlepptau, die launenhafte Hipsterin Taylor (Chloë Grace Moretz) inklusive der gerade aktuellen Herzensdame (Devery Jacobs) und das phlegmatische
Nesthäkchen Sammy (Dominic Sessa). Ebenfalls zugegen: der arg- und harmlose Nick (Denis Leary), ein handelsüblicher amerikanischer Ehemann, der nicht eben den Schlawinerquotienten eines Errol
Flynn aufweist. Und so trudeln sie also auch dieses Jahr eine nach dem anderen ein und lassen Claires Herz hüpfen – dies indes nicht gar so euphorisch wie auch schon. Denn in ihr hat sich
inzwischen eine Erkenntnis eingebrannt, die bitterer ist als jeder Verdauungsschnaps und härter als manches Anisplätzchen: Niemand in diesem verzogenen Misthaufen rafft, was sie da alljährlich
immer wieder alles leistet. Ihr den Floh ins Ohr gesetzt und ihr Sehnen nach Anerkennung und das Suhlen im Selbstmitleid ausgelöst hat die kecke und taffe TV-Talkerin Zazzy (Eva Longoria), die in
ihrer Show auch dieses Jahr einen «Mom Contest» veranstaltet (natürlich tut sie das, das sind ja Amerikaner, bei denen ist alles ein Wettbewerb). Und die wird, nachdem eine gute Dreiviertelstunde
lang rumgetrödelt und mehr pro forma von der einen Figur zur nächsten gesprungen worden ist, noch eine Hauptrolle spielen in diesem Film, dessen Inszenierung mit formalen Mätzchen aufwartet, die
von ganz zuunterst in der Mottenkiste kommen und vielleicht zu Zeiten des allein hausenden Kevin mal pfiffig waren.
Witzchen mit ganz langem Bart
Regisseur Michael Showalter, der hier zusammen mit der Kurzgeschichtenautorin Chandler Baker auch für das Drehbuchautor zeichnet, hat sich in seinem bisherigen Wirken durchaus als Menschenfreund
und -kenner gezeigt und in kurzer Zeit so Erspriessliches wie «The Big Sick», «The Eyes of Tammy Faye», die Miniserie «The Dropout» und den klugen Liebesfilm «The Idea of You» hervorgebracht.
Umso erschütternder ist es, dass «Oh. What. Fun.» vor allem auf dieser Ebene komplett versagt: Nicht nur sind das allesamt ziemlich abstossende Figuren; sie erinnern darüber hinaus mit ihrer
Ein-Charakterzug-Zeichnung (die Ernsthafte, die Flatterhafte, der Verantwortungsscheue, die Hysterische, der Tapsige) auch nur von fern an echte Menschen und offenbaren zu allem Übel einen
solchen Mangel an Chemie, dass das unterstellte Verwandtschaftsverhältnis nie denkbar erscheint. Weil auch die Besetzung wegen des fehlenden komödiantischen Talents des einen oder der anderen
manche Frage aufwirft und die Stars mässig motiviert zu Werke gehen, wirken diese Clausters so lebhaft wie die aufblasbaren Figuren in Claires Garten und so falsch wie der Bart des Nikolaus. Und
dass dessen Länge nicht ganz mit jener der Gesichtsbehaarung der Witzchen mithalten kann, die Showalter und Baker ihre bedauernswerten Stars aufsagen lassen, macht die Sache auch nicht eben
genüsslicher. Als Konsequenz hat man weder Verständnis für die Sorgen und Problemchen der Protagonisten noch das geringste Interesse daran. Claire fühlt sich nicht wertgeschätzt? Pech gehabt.
Nick checkt nichts? Tja. Channing erstickt an der Fürsorge ihrer Mutter? Soll sie doch. Taylor findet Doug doof? Na dann. Sammy verguckt sich in die Tochter (Havana Rose Liu) der hyperperfekten
Nachbarin («Twin Peaks»-Heldin Joan Chen)? Who cares. Die routinierte Lieblosigkeit, mit der all die gängigen Themen und Topoi des Genres gestreift und gleich abgehakt werden, erinnert an eines
dieser Jahr für Jahr unter den Baum gelegten Dusch-Aftershave-Sets, die man am 24. mechanisch in den Einkaufskorb schmeisst. Und die Gleichgültigkeit, mit der die ganzen Festtagsklassiker nicht
bloss in Geist und Bild zitiert, sondern auch schamlos kopiert werden, lässt an das eiskalte Weiterverschenken von Verlegenheitspräsenten vom Ramschtisch denken. Weihnachten ist auch die Zeit, in
der man schnell mal (gefühls-)duselig wird und den gesunden Menschenverstand ausknipst. Das scheint auch für renommierte Filmemacher und talentierte Schauspielerinnen zu gelten, wie diese
unsinnigerweise im quasi hundertprozentig schneelosen Houston angesiedelte billige Ausrede für einen Weihnachtsfilm bestätigt. Nicht einmal eine allseits geliebte und von vielen immer wieder
schmerzhaft vermisste Michelle Pfeiffer ist davor gefeit. Zwar bemüht sie sich als Einzige, einen texanischen Akzent zu zelebrieren (wenn auch in nicht immer kohärenter Ausprägung). Aber auch
das, was sie uns anbietet, spottet ihrem eigentlichen Leistungsvermögen. Immerhin werden hier dermassen viele bessere verwandte Streifen ins Gedächtnis gerufen, dass man eine patente Alternative
schnell zur Hand hat. Oder wie wäre es mit dem Steve-Martin/John-Candy-Vehikel «Planes, Trains & Automobiles» von 1987? Da gehts zwar um Thanksgiving. Aber das ist immer noch besinnlicher als
dieses Machwerk hier.