von Sandro Danilo Spadini
Er hasse es, ein Polizist zu sein, gesteht der eben erst zum Lieutenant beförderte Dane (Matt Damon) seinem Freund und Kollegen J.D. (Ben Affleck) schon zu Beginn dieser offenbar von
wahren Begebenheiten inspirierten Geschichte. Und man kann ihn ja verstehen. Schliesslich ist gerade mächtig Feuer unterm Dach seines Tactical Narcotic Team im Polizeidepartement von Miami-Dade.
Schlimm genug eigentlich, dass eine Kameradin (Lina Esco) just kaltblütig ermordet worden ist. Aber dass das hinzugerufene FBI glaubt, dass jemand aus seinem Team bei dieser regelrechten
Hinrichtung seine schmutzigen Finger im Spiel gehabt haben könnte – das ist nun wirklich kaum zu verkraften. Dies umso weniger, als der Verdacht nicht aus der Luft gegriffen scheint. Schon lange
kursieren Gerüchte über eine korrupte Gruppe Cops, die sich sichergestellte Gelder des Drogenkartells unter den Nagel reissen. Und entsprechend argwöhnisch und misstrauisch ist die Stimmung
jetzt. «Traue niemanden!», waren nicht umsonst die letzten Worte, die die getötete Kollegin am Telefon jemandem zugeraunt hatte, dessen Identität einstweilen ungeklärt bleibt. So wie vieles im
Undurchsichtigen verharrt in Joe Carnahans neblig düsterem, muskulös maskulinem Thriller
«The Rip». Es ist das für den ins Straucheln geratenen Regisseur nicht nur thematisch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, die er vor knapp
einem Vierteljahrhundert mit dem Cop-Thriller «Narc» geschlagen hatte. Es ist das auch ein grundsolides Comeback, nachdem er im Vorjahr gleich zwei Flops fabriziert hat und an einem Tiefpunkt
angelangt ist. Umso überraschender war es angesichts dessen, dass sich mit Matt Damon und Ben Affleck zwei waschechte und gut ausgelastete Superstars dazu haben hinreissen lassen, unter seiner
Regie in dieser Netflix-Produktion mitzuwirken. Gar nicht verblüffend ist es derweil, dass sich die beiden perfekt eingespielten Kumpel in ihrem fünfzehnten gemeinsamen Projekt als Garanten dafür
erweisen, dass sich «The Rip» derart deutlich vom üblichen Mittelmass abhebt, das der Streamingriese sonst so kredenzt.
Bellende Bullen mit Bärten
Nur einfach machen es Carnahan und seine Stars einem freilich nicht, ihren Film zu mögen. Diese Horde von sehr, sehr schlecht gelaunten Menschen, die sich nonstop ankeifen, diese bellenden Bullen
mit Bärten und ihre kaum zarter besaiteten weiblichen Pendants (Golden-Globe-Gewinnerin Teyana Taylor, Catalina Sandino Moreno und Sasha Calle), buhlen nicht eben unwiderstehlich um unsere
Herzen. Und der Polizistenslang, in dem sie zu parlieren pflegen, wirft hie und da Fragen auf, deren Beantwortung je länger, je mehr müssig scheint. Aber Carnahan war noch nie einer, der das
Skalpell geführt hat – der Vorschlaghammer ist seit je das Werkzeug seiner Wahl. Kein Wunder also, ist hier durchweg alles kernig: die Bärte, die Tattoos, die Autos, die Sprüche und natürlich
auch die Backgrounds der Figuren, die samt und sonders kaputt sind, in Not getaucht, in Wut getunkt, in Leid getränkt – so wie es sich halt gehört für die draufgängerischen Mitglieder einer
Abteilung, die sich mit TNT abkürzt. Zum Bersten intensiv wird deren Stimmung, als die Truppe aufgrund eines anonymen Tipps zu einem Haus ausrückt, das potenziell als Versteck für das
Drogenkartell dient und wo sie dann auch tatsächlich auf einen Riesenhaufen Kohle stösst, 20 Millionen Dollar, um genau zu sein. Und das wären dann 20 Millionen Gründe, es sich nochmals zu
überlegen, ob man nun zu den Guten oder den weniger Guten gehören möchte. Bei den einen ist man sich ziemlich sicher, dass sie nicht vom rechten Pfad abrücken werden. Bei den anderen hingegen
scheint alles möglich. Wobei hier selbstverständlich kaum etwas so ist, wie es zunächst mal scheint.
Ein bisschen «Miami Heat»
Am Ende freilich, nachdem Carnahan die (An-)Spannung auf ein Maximum gesteigert und den Eskalationsregler bis zum Anschlag gedreht hat, kommt es dann aber doch mehr oder weniger so, wie man es
erwartet hat, sind die Rollen der «Good Cops» und der «Bad Cops» so verteilt, wie es schon der Blick auf die Besetzungsliste hat vermuten lassen. Das indes fällt insofern nicht so arg ins
Gewicht, als im Finale spektakulärerweise ein bisschen «Heat»-Vibes aufkommen und der Film immerhin zaghaft auf den Spuren des Genreklassikers schlechthin stapft und stampft. Zwar sind den
Actionszenen auch da noch gewisse Budgetrestriktionen durchaus anzusehen; doch Carnahan macht nicht nur das Beste, sondern sogar etwas richtig Gutes daraus. Ohnehin gibt seine Inszenierung
einiges her. Passend zu der trüben Suppe aus Gerüchten und Geistergeschichten, in der die Helden und Antihelden den Überblick zu wahren suchen, schmeisst er immer wieder die Nebelmaschine an und
knipst das Licht aus. Wenngleich das nie an den gespenstischen grobkörnigen Realismus des Debüts «Narc» heranreicht und auch die bedrohliche Wucht seines Überlebensthrillers «The Grey» (2011)
ferne Erinnerung bleibt, ist diese über weite Strecken kammerspielartige Schachpartie mit zunehmend blanker liegenden Nerven fraglos atmosphärisch und in ihrer Schnörkellosigkeit jederzeit
packend, pulsierend, prickelnd. Und wenn die Bullenfilm-Klischees dann mal wieder überhandnehmen, ist da ja immer noch die Dynamik zwischen Matt Damon und Ben Affleck, die das alles in
offenkundig nicht nur vorgetäuschter Vertrautheit zu überspielen vermögen.