von Sandro Danilo Spadini
Was war das doch für ein Debüt! Himmelhoch schnellten die Hoffnungen empor, nachdem der Schauspielcrack Bradley Cooper im Herbst 2018 mit dem Remake des Klassikers «A Star Is Born»
seinen Erstling als Filmemacher vorgelegt und das ambitionierte Herzensprojekt sämtliche Erwartungen übertroffen hatte. Ein neuer Regie-Star sei geboren, frohlockte man, und Cooper schien im
Olymp angekommen zu sein und seine Mitgliedschaft im Hollywood-Adel gelöst zu haben. Acht Jahre später ist die Euphorie zwar nicht vollends verflogen, aber doch merklich abgekühlt. Zwei
Regiearbeiten bloss hat der inzwischen 51-Jährige seinem achtfach Oscar-nominierten Wunderwerk folgen lassen – da sollte also ausreichend Zeit vorhanden gewesen sein, um diesen Babys genug Liebe
und Sorgfalt angedeihen zu lassen. Und in der Tat waren im Zweitling «Maestro», Coopers Leonard-Bernstein-Biopic, der Wille zur Grösse und die technische Finesse noch deutlich herauszulesen –
bisweilen jedoch etwas zu durch- und offensichtlich, an der Grenze zur Selbstverliebtheit gar. In der Tragikomödie
«Is This Thing On?», der Nummer 3, ist davon nun indes kaum mehr etwas zu sehen; übrig geblieben ist lediglich das tiefrote
Herzblut, das durch dieses sympathische Projekt fliesst. Auf die Beine gestellt hat Cooper dieses mit seinem alten Kumpel Will Arnett, der auf Basis einer autobiografischen Anekdote des
britischen Komikers John Bishop nicht nur für das Drehbuch hauptverantwortlich zeichnet, sondern auch die Hauptrolle übernahm und so nach Jahren glorioser komödiantischer Eskapaden in Serien wie
«Arrested Development», «BoJack Horseman» oder «30 Rock» endlich doch noch im dramatischen Fach angekommen ist. Cooper selbst, der mit Mark Chappell ebenfalls am Skript feilte, übernahm derweil
eine Nebenrolle, die eigentlich Arnett auf den Leib geschrieben zu sein scheint – eine umgekehrte Rollenverteilung, die sich als Coup und Trumpf-Ass von «Is This Thing On?» erweisen wird.
Übermut zahlt sich aus
Arnett gibt hier den zweifachen Familienvater Alex Novak, einen nach allen handelsüblichen Massstäben wenig bemerkenswerten Typen, der etwas mit Finanzen macht. Verheiratet ist Alex mit der
ehemaligen Olympia-Volleyballerin Tess (Laura Dern), doch diese Ehe neigt sich nun nach 20 Jahren dem Ende entgegen. «Wir müssen Schluss machen, oder?», meint Alex schon nach der Auftaktsequenz,
und das ist einer der seltenen Momente, in denen er und Tess mal einer Meinung sind. Den Freunden, die sie noch am selben Abend treffen, werden sie ihre Trennung zwar noch nicht verkünden – zu
selbstzentriert sind etwa der zerzauste erfolglose Schauspieler Balls (Cooper) und dessen wichtigtuerische Gattin Christine (Andra Day). Aber das Ding ist trotzdem durch – da hilft auch der
Haschcookie nichts mehr, den Tess in der Küche ihrer Gastgeber hat mitlaufen lassen und den sie nun zusammen in der U-Bahn-Station verspeisen. Einen gewissen Einfluss auf eine folgenschwere
Entscheidung hat der bei Alex dadurch hervorgerufene Rausch freilich sehr wohl: Reichlich beduselt, aber ohne die geforderten 15 Dollar in der Tasche, die an Eintritt fällig werden, steht er,
nachdem er sich von Tess verabschiedet hat, vor einer Bar in Manhattan, die im Untergeschoss eine Bühne für nicht professionelle Stand-up-Comedians beherbergt. Weniger mangels Alternativen als
aus einem haschinduzierten Übermut heraus schreibt sich Alex für einen Auftritt an der Open-Mic-Night ein – und steht Augenblicke später ohne Skript, ohne Plan und ohne Scham auf der Bühne und
erzählt einer recht verdutzten Zuhörerschaft von seinen Eheproblemen. Und wiewohl dabei offenbar wird, dass Alex nicht eben ein komödiantisches Naturtalent ist, wirkt dieser eigentlich eher
peinliche Auftritt wie eine Befreiung, ja nachgerade kathartisch: Der Versuch, seinen Scheidungsblues wegzuwitzeln, ist ein voller Erfolg, und die Fortsetzung folgt entsprechend schon bald – mit
durchaus sicht- und hörbaren Fortschritten notabene!
Normale Menschen mit normalen Problemen
Wie Alex mit seinem anfangs noch rein improvisierten Programm braucht auch Coopers Film eine gewisse Zeit, um in Tritt zu finden und Fahrt aufzunehmen. Und wie bei der Comedy geht es dann auch
bei diesem eher leichtfüssigen Drama nie in schwindelerregende Höhen, wo jede Pointe zündet und jede Szene fesselt, sondern bloss hin zu einem Ort, wo man sich wohlfühlen und eine gute Zeit haben
kann. Es sind das offenkundig kleinere Brötchen, die Cooper hier zu backen gedenkt – und daran ist auch rein gar nichts verkehrt, das braucht es zwischendurch auch mal, gerade nach so kräfte- und
inspirationszehrenden Unterfangen, wie sie der schon zwölfmal Oscar-nominierte (fünfmal als Schauspieler und Produzent, zweimal als Drehbuchautor) Hollywood-Superstar auf die Beine gestellt hat.
Im Einklang damit ist sein neues Werk auch kein flammendes Plädoyer für Selbstfindung, keine bebende Hymne auf Selbstermächtigung, kein blumiges Manifest zu Selbstverwirklichung. Es ist vielmehr
ein Film über weitgehend normale Menschen mit normalen Problemen, die vom Weg abgekommen sind und sich dabei ein Stück weit selber verloren haben. Oder wie es Christine gegenüber Alex ausdrückt:
Sie habe ihn vor ihren Augen verschwinden sehen. Sie nimmt das als Beweis, dass die Ehe eine Fehlkonstruktion sei. Er hingegen stellt sich gar nicht mal solch tiefschürfende Fragen – und das
nicht nur, weil er ohnehin mehr der schweigsame Typ ist, der die Probleme in seinem Leben eher nicht offenherzig adressiert, sondern weil er wohl auch weiss, dass bei ihm nichts fundamental
falsch- oder Weltbewegendes abläuft und es jetzt einfach mal wieder Zeit ist, sich am Riemen zu reissen und sich neu auszurichten. Das ist wohltuend zurückhaltend, ebenso wie die Tatsache, dass
wir es hier anders als in den beiden anderen Regiearbeiten von Cooper nicht mit einem Künstler auf einem tollkühnen Rasierklingenritt zwischen Genie und Wahnsinn zu tun haben (wobei fraglich ist,
ob Alex überhaupt ein Künstler im engeren Sinn ist). Die Konsequenz daraus ist indes, dass manches auch beliebig, geschwätzig, belanglos wirkt – ein bisschen wie ein Woody-Allen-Film, der nicht
allzu bissig und sophisticated ist und sich bisweilen ziemlich zieht. Dass das erhebliche Kürzungspotenzial des über zweistündigen Films nicht erkannt wurde – damit stehen Cooper und Kollegen
heutzutage zwar nicht allein, das macht es aber auch nicht wirklich viel besser. Kompensiert werden diese Momente zäher Nichtigkeiten freilich von einer famosen Chemie zwischen dem seine Chance
im Dramafach beherzt nutzenden Arnett und der sich herrlich kompetitiv gebenden Dern (und in den komödiantischen Highlights des Films zwischen den Freunden Arnett und Cooper). Teils auch von
einer Energie, die in ihrer Wuseligkeit an jene von «A Star Is Born» gemahnt. Und vor allem davon, dass der mit extremen Nahaufnahmen operierende Film und dessen auf der Bühne sich selbst
therapierende Held mit seiner laut einer Kollegin zwar schlechten, aber unschuldigen Comedy das Herz am rechten Fleck haben.