von Sandro Danilo Spadini
Er sei stets ein grauer und langweiliger Mann gewesen, sagt dieser Mariano De Santis (Toni Servillo) einmal über sich. Für die Farbtupfer sei eben seine Frau besorgt gewesen, die
Liebe seines Lebens, längst verstorben, noch lange nicht vergessen. Und sie ist es denn auch, an die er denkt, über die er nachdenkt, wenn er, der Präsident der Republik, auf dem Dach des
Quirinalspalasts genüsslich die eine Zigarette des Tages raucht, die er sich mittlerweile noch zugesteht. Da steht er also, steif in der Haltung, starr der Blick, und sinniert. Sinniert über das
Glück von einst. Aber mehr noch: über die Lüge. Den Verrat. Darüber, dass sie vor vierzig Jahren einen anderen hatte, ihn betrogen, ihn so schwer, so tief, so final verletzt hat, dass es ihn
heute noch zerreisst. Dabei sollten seine Gedanken doch ganz woanders sein. In sechs Monaten endet seine Amtszeit, nach sieben Jahren, dann darf er zurück nach Hause, zu seinen geliebten
Gesetzesbüchern, dann wird er frei sein, wie ihm Mal um Mal gesagt wird. Davor aber, bevor er seinen Schwanengesang anstimmt, sicherlich in Moll, bevor sie alle zum Abgesang ansetzen über das
wenig weltbewegende Wirken dieses Mannes des Ausgleichs und des Kompromisses, dieses ewigen Zauderers, wollen noch gewichtige Entscheidungen getroffen werden: über die Einführung eines
Sterbehilfegesetzes, das seine Tochter und engste Beraterin Dorotea (Anna Ferzetti) forciert. Und über zwei Begnadigungen: die eines wegen der Ermordung seiner dementen Gattin verurteilten
Professors sowie die der wegen der Tötung ihres gewalttätigen Mannes inhaftierten Nichte der Partnerin des Justizministers (Massimo Venturiello), seines ältesten Freundes. Zwar könnte niemand
besser geeignet sein, über solch existenzielle Fragen zu urteilen, als der alte De Santis, dieser brillante Jurist und überzeugte Katholik. Und doch braucht er einstweilen mehr Zeit. Und noch
mehr Zeit. Und noch mehr Zeit. Zum Nachdenken. Zum Reflektieren. Zum Abwägen. Denn sein überlegener Geist, sein intellektuelles Wesen erweisen sich hier wie so oft nicht nur als Segen, sondern
auch als Fluch. Es fehle ihm der Mut, eine Entscheidung zu «ihrem» Gesetz zu treffen, hält ihm Dorotea vor. Er, der sich nicht einmal dazu durchringen kann, seinem alten kranken Gaul den
Gnadenschuss versetzen zu lassen, meint: Wenn er nichts tue, sei er ein Folterer; wenn er es tue, ein Mörder. Und so denkt er jetzt noch ein bisschen länger nach. Und gönnt sich das, was er
schliesslich «Gnade» (la grazia) oder «die Schönheit des Zweifels» nennen wird.
Wer anders als Toni Servillo
Mit hohen Würdenträgern, realen wie fiktiven, kennt sich der italienische Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino ja aus. Nach Ministerpräsidenten (Giulio Andreotti in «Il divo» und Silvio Berlusconi
in «Loro») und Päpsten (in den Serien «The Young Pope» und «The New Pope») ist es in
«La grazia» nun also der Präsident der Republik. Gespielt wird er, selbstredend, wie schon
Andreotti und Berlusconi und wie auch die Hauptrollen von vier weiteren Sorrentino-Filmen von Superstar Toni Servillo. Und das ist wie immer ein grosses Glück. Denn wer sonst sollte die strenge
Würde transportieren, die dieser bisweilen entrückte Stoiker ausstrahlt: dieser unzerstörbare Melancholiker, der neuerdings einnickt, wenn er betet. Der nichts vergessen, sich an alles erinnern
will. Der nie träumt, es sich aber so sehr wünscht und dann von der Absenz der Schwerkraft träumen möchte. Der sich einsam fühlt und heimgesucht wird von den Dämonen dieses uralten Betrugs. Der
so distanziert ist, dass er weder seine Tochter noch seinen Sohn je wirklich gekannt hat, was freilich auch umgekehrt gilt. Der sich zwar nicht in Profilierungssucht übt, aber auch nicht in
übertriebener Bescheidenheit. Der seinem loyalen Leibwächter (Orlando Cinque) mithin nur zustimmen kann, wenn der ihm sagt, er sei «sehr, sehr intelligent». Und der bei aller Demut regelrecht
besessen ist von seinem Spitznamen, von dem er eben erst erfahren hat: Stahlbeton. Wer also könnte einen Mann namens Stahlbeton besser verkörpern als Toni Servillo? Niemand natürlich. Und so
zieht Servillo seine übliche Show ab, zweieinviertel Stunden lang, nicht so, wie er es in der Oscar-Fantasia «La grande bellezza» getan hat, sondern mehr so wie in «Le conseguenze d’amore», einem
frühen Stück Sorrentinos von 2004, wo er einen grüblerischen Einzelgänger mit mysteriösem Background gespielt hat. Die Stimmung ist hier ähnlich: kühl, streng und grau. Grau ist ganz wichtig.
Denn De Santis ist ein Mann, der sich seit je in der diffusen und komplexen Welt zwischen Schwarz und Weiss bewegt – was für einen Politiker nun nicht die schlechteste Wahl ist. Eine Welt des
Zauderns und Zweifelns eben. Aber auch eine Welt mit klaren Leitplanken. Da kommen dann das Kühle und Strenge wieder ins Spiel, das sich in der Inszenierung in schnurgeraden Kamerafahrten,
festgezurrten Einstellungen, geometrischen Bildausschnitten und Dialogen wie Schusswechseln zeigt – hart wie der Marmorboden im Quirinale und so steif wie der gestärkte Kragen der blütenweissen
Hemden des Präsidenten.
Und dann: Eine Eruption
Das ist alles sehr elegant, Pracht ohne Protz, sehr italienisch auch, wenn man das so sagen darf. In jedem Fall immer kunstvoll. Bisweilen auch nahe am Stillstand. Und eben alles so wahnsinnig
kontrolliert. Bis es das nicht mehr ist. Bis es zum Bruch kommt. Es herausbricht. Aus De Santis. Und ihm sogar mal ein «cazzo» entfährt. Aber auch aus Sorrentino. Und er sich dann doch seinem
Hang zum Extravaganten hingibt. Indem er auf der Tonspur einen Acid-House-Track laufen lässt. Indem er auf Superzeitlupe umschaltet. Indem er Groteskes, Bizarres, Skurriles einstreut. Indem er
den Papst (Rufin Doh Zeyenouin) nach einer Debatte unter Vogelgezwitscher auf einem Motorrad davonbrausen lässt. Indem er beim Besuch des greisen portugiesischen Präsidenten einen Wolkenbruch
anzettelt. Aber auch indem er die junge litauische Botschafterin mit De Santis flirten lässt. Oder er diesen aus seiner Lethargie aufwachen und zum Schock seiner Tochter seinen unvermindert
messerscharfen Verstand demonstrieren lässt. Und auch indem die Inszenierung auf einmal ganz profan wird, wenn der mondäne Präsidentenpalast ein erstes Mal verlassen wird und das Geschehen zu den
Normalsterblichen hin verlagert wird. Das freilich ist ein einmaliger Bruch; bei den nächsten Ausflügen ist das dann wieder durch und durch Sorrentino-Style: irgendwie nicht von dieser Welt,
beseelt vom unbedingten Willen zur Kunst. Die vielleicht wertvollste Disruption indes ist der praktisch immer unangekündigt einschlagende Humor, der das Bleischwere auflockert und uns daran
erinnert, dass auch dieser verkopfte ältere Herr am Ende nur ein Mensch ist – dem Sorrentino im Epilog, wenn er sich endlich seines Amtes und seiner Bürde entledigt hat, nach all der Theorie und
Philosophie sogar noch einen Ausflug ins Sentimentale gestattet.