von Sandro Danilo Spadini
Eigentlich müsste diese Frau Doktor Lilian Steiner (Jodie Foster) jetzt dann langsam mal die Contenance verlieren. Nachdem sich die in Paris operierende Psychoanalytikerin über ihre
lärmenden Nachbarn beschwert hat und von diesen beleidigt worden ist, steht da eines Abends doch ihr Patient Pierre (Noam Morgensztern) unangemeldet bei ihr auf der schicken Matte, um kundzutun,
dass er mit ihrer nutzlosen Therapie in den letzten Jahren 40'000 Euro vergeudet habe und sie fürderhin nicht mehr sehen wolle. Derweil taucht Patientin Paula (Virginie Efira) zum wiederholten
Male gar nicht erst auf – weil sie, wie Lilian alsbald erfährt, unlängst verstorben ist. An deren Totenwache, zu der sie von der Tochter der Verstorbenen (Luàna Bajrami) eingeladen worden ist,
wird sie dann vom Witwer Simon (Mathieu Amalric) fuchsteufelswild hinauskomplementiert. Und von dem ihr entfremdeten Sohn Julien (Vincent Lacoste) kriegt sie gleichentags wieder einmal zu hören,
dass es mit ihren Mutter- und noch mehr mit ihren Grossmutterinstinkten nicht allzu weit her sei. Zu allem Überfluss hat sie sich auch noch irgendwas aufgelesen, wodurch nun ihre Augen unentwegt
tränen. Das freilich ist immerhin ein valabler Vorwand, um ihren Ex-Gatten Gabriel (Daniel Auteuil) aufzusuchen; der ist nämlich Augenarzt – und noch immer in sie verliebt. Und deshalb wird er
auch nicht zögern, als Lilian ihn bei ihrem nächsten Besuch um einen eher abenteuerlichen Gefallen bitten wird: Er soll ihr dabei helfen, den Mord an Paula aufzuklären. Denn dass diese sich das
Leben genommen hat, glaubt Lilian keine Sekunde lang. Dies umso weniger, nachdem sie bei einer Hypnotiseurin (Sophie Guillemin) gewesen ist und dort «gesehen» hat, wie sie und Paula während der
Nazizeit Musikerinnen in einem Orchester und ein Liebespaar waren und der gehörnte Simon als Dirigent seine ungetreue Gemahlin erschossen hat. Für sie scheint das ein hinreichender Tatverdacht zu
sein. Woraus man folgern muss: Madame la docteure mag vielleicht nicht die Fassung verloren haben, aber doch wohl den Verstand, n’est-ce pas?
Leicht, aber nicht unambitioniert
Die französische Regisseurin Rebecca Zlotowski («Les enfants des autres») ist natürlich nicht die Erste, die Hypnose und Psychoanalyse mit Detektivarbeit verquickt. Und so evoziert ihr aktuelles
Werk
«Vie privée» denn auch einen veritablen Reigen kinogeschichtlicher Spuren: einen Hauch Film noir, von
«Spellbound» bis «Vertigo» eine Prise Hitchcock, eine Minidosis De Palma und die vage Erinnerung an den Woody-Allen-Schwank «You Will Meet a Tall Dark Stranger». Mit Letzterem teilt Zlotowskis
Neuer auch den Sinn für Humor, der nicht gerade schwarz ist, aber eine dunkle Tönung aufweist und mehr auf der kultiviert-süffisanten Seite ist. Beschwingt-gemütlich ist das Tempo des
107-Minuten-Streifens, heiter-ironisch dessen Grundierung – Ausflüge in psychologische Tiefen oder philosophische Höhenflüge stehen hingegen nicht auf der Menükarte. «Vie privée» deshalb als
unambitioniert abzustempeln, wäre gleichwohl ein Fehler. Zlotowski hat sich hier durchaus einige Sachen vorgenommen, die über den puren Willen zur legeren Unterhaltung hinausgehen; nur wird
manches davon dann doch arg halbherzig angegangen und versandet letztlich hinten im Unterbewusstsein, so wie die von Lilians eigenem einstigen Psychiater und heutigen Mentor (der Dokufilmer
Frederick Wiseman) angeschnittenen Kindheitstraumata. Ohnehin will sich hier nicht alles zu dem geschmeidigen Genregemisch fügen, wie es Zlotowskis vorschwebte. Bisweilen holpert die Geschichte
auch mal ein wenig, ruckelt der Erzählfluss, franst der Plot aus, knarzt und knorzt und knackt und knirscht es, wenn die Orientierung kurz verloren zu gehen droht und man ungünstigerweise Zeit
bekommt, sich zu fragen, warum diese Lilian das eigentlich alles macht: Ist es professionelle Neugier? Eine Form von Fatigue? Hat es etwas mit der jüdischen Herkunft zu tun? Sind amouröse
lesbische Gefühle mit im Spiel? Oder stehen Schuldgefühle hinter alledem? Nun: Es wird das bis zum etwas unterwältigenden, weil halbwegs hastigen und flachen Schluss nicht vollends befriedigend
geklärt werden. Aber das macht nichts.
Spektakuläre Jodie Foster
Denn zum einen ist «Vie privée» ein von Grund auf sympathischer Film: Es wird hier schön französisch geschlotet und gebechert, als ob es keine WHO-Empfehlungen gäbe; es wird launig gelästert und
lässig charmiert, wie das in zwangloseren Zeiten noch Usus war. Und es geht mitunter auch mal ein bisschen verrucht zu und her, so wie es nun mal zu Paris gehört. Dass Zlotowski zwischendurch
immer wieder etwas fürs Auge bietet, nehmen wir als Bonus gern auch noch mit. Doch das alles andere in den Schatten und das Ganze ins Licht ziehende Ass in ihrem Ärmel ist halt die famose
Besetzung: Zwar erhalten die hinreissende Belgierin Virginie Efira, mit der Zlotowski schon zuvor gearbeitet hat, und der irre Ex-Bond-Bösewicht Mathieu Amalric zu wenig Spielzeit, um dem Film
jenen Stempel aufzudrücken, mit dem sie manch andere Produktion beglückt haben. Dafür bleibt so mehr Raum für das formidable Altstar-Duo Jodie Foster und Daniel Auteuil, die eine betörende Chemie
zur Schau stellen und nonchalant eine graziöse Show abziehen. Vor allem die in flott fliessendem Französisch parlierende Foster ist spektakulär und offenbart ein komödiantisches Talent, das man
so von ihr auch noch nicht demonstriert bekommen hat. Sie, die von ihrer Mutter als Kind auf eine französische Schule in Los Angeles geschickt worden war und in jungen Jahren für Claude Chabrol
vor der Kamera stand, hatte immer wieder den Wunsch geäussert, wieder einmal in Frankreich zu drehen. Man meint hier fast zu spüren, wie viel Spass ihr das nun bereitet hat.