von Sandro Danilo Spadini
Es ist eine heile Welt hier draussen. Idyllisch und harmonisch. Die Vögel zwitschern, der Wind rauscht durch die Wipfel. Zärtlich und friedlich. Alles ist im Fluss, alles fügt sich zu
einem grossen Ganzen. Intim und entrückt. Und dann, urplötzlich, fast lakonisch: Gewalt, Tod und Zerstörung. Immer wieder. Als ob es selbstverständlich wäre. Weil es dazugehört. Und deshalb
nehmen sie es hier, in den Wäldern Idahos um die Zeit des Ersten Weltkriegs, auch einfach so hin. Zumindest die meisten der hart schuftenden Wanderarbeiter, oftmals schrullige Typen und kuriose
Charaktere, die schon so einiges gesehen haben und die mithin nichts so schnell aus der Fassung bringt. Robert Grainier (Joel Edgerton) fühlt sich wohl unter diesen Vagabunden und Teufelskerlen,
die hoch oben im Nordwesten der USA die Eisenbahn ins Land hineinbauen. Aber er ist anders gestrickt als sie. Er ist einer, der über sein Dasein nachdenkt. Unablässig. Erst als er seine Frau
Gladys (Felicity Jones) kennen lernt, beginnt sein Leben so langsam einen Sinn zu ergeben. Aber auch mit ihr und nach der Geburt von Tochter Katie grübelt er weiter. Er ist zwar von
Glückseligkeit erfüllt, wenn er inmitten seiner Liebsten ist; doch dieses Glück ist nicht vollkommen. Wenn er wieder losziehen muss, um sich fernab als Holzfäller zu verdingen, dann bricht ihm
jedes Mal das Herz. Er fürchtet sich, Katies Leben zu verpassen – dass sie nicht weiss, dass er ihr Vater ist. Es ist eine namenlose Furcht, die ihm als Waisenkind in die Knochen fährt und sich
alsbald zu einer mittelgradigen Melancholie versteift. Bisweilen wird er auch von Visionen geplagt. Sieht vor dem inneren Auge den Tod, an den er sich noch immer nicht gewöhnt hat. An den er sich
nie gewöhnen wird. Nie gewöhnen will. Der ihm aber ein steter Begleiter sein wird. Sein ganzes Leben lang.
Weiter Bogen und grosse Fragen
Eine einfache Existenz ist das, was Robert führt, eine genügsame, voller Demut und Respekt. Vor all den Wundern und all den Wirren des Lebens. Vor der Wucht der Natur und ihrer zerstörerischen
Kraft. Es ist das ein Leben, das im Grunde nicht zum Stoff taugt, aus dem Kinoträume gewoben werden. Und doch hat Regisseur Clint Bentley («The Jockey») mit
«Train Dreams» genau das erschaffen. Seine Adaption der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson aus
dem Jahr 2011 ist ein poetisch-philosophisches cineastisches Kleinod, das auf den naturbelassenen Pfaden einer Kelly Reichardt und des grossen Kinomystikers Terrence Malick wandelt. Das Echo der
alten Welt will es heraufbeschwören, einer verlorenen Welt. Ein Film über die Vergänglichkeit, über den Lauf der Dinge und das Dahingleiten der Zeit, der den ganz weiten Bogen spannt und ein
Leben von der Kindheit bis zum Greisenalter erzählt. Und dabei grosse Fragen stellt, die letzten Fragen. Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Schon gar keine einfachen, aber auch keine
komplexen. Und dies zu akzeptieren, das ist ein Prozess, der Robert an den Rand der Verzagtheit treibt – zu verstehen, dass es Ereignisse gibt, die keinen Sinn ergeben; Opfer, die keinen Wert
haben; Erfahrungen, die ohne Gewinn bleiben. Das Leben in der Natur, es hat eine spirituelle Kraft, ist eine mystische Erfahrung, die einen ganz nahe bringt zum Kern unseres Daseins. Es ist aber
auch rau, es ist brutal, und es ist unbarmherzig. Denn es ist ein steter Kampf, in dem der Mensch am Ende dann doch ein Eindringling bleibt, ein Winzling auch – ein Kampf natürlich, den er immer
verlieren wird.
Ungeheuer ton- und stilsicherer Joel Edgerton
Einem Menschen ohne besonders herausragende Eigenschaften bei der stoischen Sinnsuche zuzuschauen: Das könnte eine zähe Geduldsübung werden – zumal dann, wenn einem der Sinn gerade nicht nach
Entschleunigung steht. Doch der 40-jährige Regisseur Clint Bentley und sein Kompagnon Greg Kwedar («Sing Sing»), der hier das Drehbuch mitverfasst hat, haben in ihrer noch jungen Karriere schon
mehrfach erkennen lassen, dass sie über ein ausserordentlich vertieftes Verständnis der menschlichen Natur verfügen und daraus nicht nur in kontemplative Höhen aufzusteigen, sondern auch ungemein
berührende Erzählungen zu schöpfen vermögen. In «Train Dreams» ist das – trotz gewisser repetitiver Längen – nicht anders. Was von Bentleys dritter Regiearbeit aber vor allem haften bleiben wird,
sind die gleichsam berauschenden Bilder: mal intensiv naturalistisch, mal kunstvoll inszeniert und immer, wirklich immer, in jeder Einstellung, eine Einladung zum Eintauchen und Entdecken.
Umrahmt vom lieblichen Soundtrack von Bryce Dessner («We Live in Time»), entfaltet diese über 80 Jahre währende Suche nach dem Sinn des Lebens so eine immersive Kraft, die noch potenziert wird
vom makellosen, stets stil- und tonsicheren Spiel des nach wie vor ein wenig unterschätzten Australiers Joel Edgerton («The Stranger»). Und Edgerton, der die stetig voranschreitende körperliche
Ausmergelung und seelische Ausgezehrtheit über die Zeit, die vergeht, allein mittels subtiler Gesten und nuancierter Mimik offenbar macht und gerade in seiner Rolle als Vater eine herzerhellende
fragile Intimität an den Tag legt, ist dabei in bester Gesellschaft: von Höhenfliegerinnen wie Felicity Jones («The Brutalist») und Kerry Condon («F1: The Movie»), aber auch von alten Haudegen
wie Clifton Collins Jr., William H. Macy, John Diehl oder Will Patton als sich gelegentlich zu Wort meldender Erzähler aus dem Off. Nach gängiger Expertenmeinung wird Edgerton bestimmt und
Bentley womöglich die Ehre einer Oscar-Nominierung zuteilwerden. Und das wäre dann nachgerade ein Paukenschlag in die meditative Stille hinein und würde diesen so überaus feinen kleinen Film ins
kollektive Bewusstsein katapultieren. Dorthin also, wo er ohne den Hauch eines Zweifels hingehört.