von Sandro Danilo Spadini
Er selbst sieht sich als «genuine high roller» – ein lupenreiner Hochrisikozocker. Andere hingegen finden auch weniger schmeichelhafte Bezeichnungen für diesen vermeintlichen Lord
Doyle (Colin Farrell). Ein bisschen ein Angeber sei er, meint die Schuldeneintreiberin Cynthia Blithe (Tilda Swinton), als sie sich noch als harmlose englische Touristin in Macao ausgibt, und
revidiert das später hin zur Aussage, dass er einfach ein «schlechter Mensch» sei. Einen «netten irischen Jungen aus der Arbeiterklasse, dem die Dinge über den Kopf gewachsen sind», nennt ihn
derweil der blaublütige Spielerhalunke Adrian Lippett (Alex Jennings). Und am besten trifft es vermutlich die Casinodame Dao Ming (Fala Chen): «Eine verlorene Seele» erkennt sie in Doyle. Die
Vermutung liegt also nahe, dass wir es hier mit einem Psychogramm zu tun haben, einer Charakterstudie über einen Menschen, der von sich sagt, dass er nun im Exil alles sein könne, was er sein
möchte. Und in der Tat ist Edward Bergers fünfter Spielfilm
«Ballad of a Small Player» genau das. So wie er auch ein Film noir, ein Stimmungsstück, eine Satire, ein
Schelmenschwank, eine Extravaganz, eine Fantasterei und ein Spielerdrama ist. Wie sein Held ist er ein bisschen von vielem – und nichts so richtig.
Schwitzend im Teufelskreis
Basierend auf Lawrence Osbornes gleichnamigem Roman aus dem Jahr 2014 erzählt Berger («Im Westen nichts Neues», «Conclave») hier von einem Mann auf der Flucht: vor den Gläubigern in England,
denen er annähernd eine Million Pfund schuldet, vor den ebenfalls nachdrücklich auf ihr Geld bestehenden Betreibern des Luxushotels, in dem er residiert wie ein König, und vor allem auch vor sich
selbst und seiner Vergangenheit. Diese hat ihn nach Macao getrieben; doch anstatt einen wirklichen Neuanfang zu wagen, setzt Doyle hier nun alles auf eine Karte. Und das bekommt ihm
augenscheinlich ganz und gar nicht gut. Was wir zu Gesicht bekommen, ist ein Süchtiger reinsten Wassers: schwitzend, zappelnd, zitternd und bebend vor Erregung, die bald in Euphorie, bald in
Verdruss, bald in Panik umschlägt. Er säuft zu viel, raucht zu viel, frisst zu viel – immer wieder droht ihm das Herz in der Brust zu explodieren. Und sowieso lügt er zu viel, und das nicht mal
besonders gut. Als Hochstapler jedenfalls überzeugt er noch weniger als am Baccara-Tisch – ja nicht mal das aristokratische Alias hat er richtig hingekriegt: Doyle – ein gewöhnliches irisches
Arbeitergeschlecht. Alles, was er brauche, sei ein «big win», ein grosser Gewinn, faselt er freilich unverdrossen und weiss doch selbst tief in seinem Innersten, dass er noch weit mehr braucht,
um aus diesem Hamsterrad, diesem Teufelskreis herauszukommen. Denn Geld ist nicht das Einzige, was er verloren hat. Auch seiner Seele ist er ein Stück weit verlustig gegangen, da hat Dao Ming
schon recht. Nicht aber der Hoffnung. Noch nicht. Auch wenn er gleich zu Beginn sagt, er glaube nicht mehr an Wunder. Doch das ist gelogen. Natürlich glaubt ein unverbesserlicher Spieler, ein
verzweifelter Süchtiger wie er noch immer an Wunder. Und auf ein ebensolches spekuliert er auch jetzt noch einmal. Auf ein allerletztes Wunder. Ein riesengrosses Wunder.
Wahnwitziger Neon-Glitzer-Mix
Was diesen Getriebenen antreibt, umtreibt, vor sich hertreibt – das lässt sich dank Colin Farrells nuancierter Verkörperung immerhin erahnen. Sein Doyle ist nämlich weit mehr als der Clown in
mintgrünem Samtdoppelreiher und rosa Hemd, als der er in der slapstickhaften Eröffnungsszene eingeführt wird. Da ist auch eine Verletzlichkeit, das sind Versehrungen, die ihn zu dem gemacht
haben, der er jetzt ist – so viel scheint klar. Doch leider lässt ihn das Drehbuch von Rowan Joffe («The American») das dann doch nicht in der gebotenen Tiefe erkunden. Dafür ist schlicht keine
Zeit, zumal sich das Skript an so vielem interessiert zeigt, um dann doch nichts bis zum Ende weiterzuverfolgen. So bleibt letztlich vieles willkürlich und ein Flickwerk aus Tragik, Komödie,
Folklore, Lokalkolorit, Liebesgeschichte und noch vielem mehr. Auch die hyperstilisierte Inszenierung von Edward Berger, der hier gleichsam die Fesseln aus dem viel gelobten Kammerspiel
«Conclave» gar euphorisch ablegt, hilft bei der Charakterentfaltung nicht wirklich: Sie ist so flamboyant wie ihr Protagonist und erdrückt diesen mit ihrem wahnwitzigen Neon-Glitzer-Mix bisweilen
regelrecht. Es ist zwar fraglos immer wieder frappant und faszinierend, was Berger da auf der Leinwand veranstaltet: eine visuelle Show, die zwischen Wes-Anderson-Klamauk und
Nicolas-Winding-Refn-Delirium mäandriert, mit einem Hauch von Wong-Kar-Wai-Eleganz und Yorgos-Lanthimos-Exzentrik. Aber es ist das zum einen tonal zu inkonsistent – man weiss oft nicht, ob man
prusten oder heulen soll, und irgendwann ist es einem auch egal. Und zum anderen ist es übermotiviert und wirkt Berger wie ein Kind, das einen Zauberkasten geschenkt bekommen hat und nun subito
sämtliche Tricks ausprobieren will. Zwar ist «Ballad of a Small Player» keine dieser hohlen, selbstverliebten Stilübungen. Aber die Substanz ist dann doch zu gering, um einen zu vereinnahmen für
diesen Rausch, der ruhig noch ein wenig exzessiver hätte ausfallen dürfen. Am Ende ist Bergers Film halt doch nur ein Netflix-Produkt, das an diese Fake-Designerstücke erinnert: Auf den ersten
Blick wirkt das absolut gefällig und unterscheidet sich kaum vom edlen Original. Mit der Zeit indes realisiert man, warum dieses seinen Preis hat. Will sagen: Mit den grossen Kinovorbildern kann
das bei aller formalen Finesse und fulminanter Furore nicht mithalten. Es steckt dafür hinter alldem einfach nicht genug dahinter und darunter.