Tanz mit dem Teufel

Das überlange und ziemlich verzettelte Geschichtsdrama «Nuremberg» versucht es auf die traditionelle Hollywood-Tour. Das mag zwar einen gewissen Unterhaltungswert haben, ist bisweilen aber arg platt, pathetisch und bombastisch. Den richtigen Ton zu treffen, gelingt freilich auch dem einen oder anderen Darsteller nicht.

Zar Amir-Ebrahimi im Film Holy Spider

Sony Pictures Classics

von Sandro Danilo Spadini

Als «grösste Show auf Erden» werden sie von einer Journalistin einmal betitelt, als «Prozess des Jahrhunderts» ein andermal in einem Newsbeitrag. Reichlich saloppe Formulierungen sind dies für das, was hier auf dem Spiel steht: das strafrechtliche Zur-Rechenschaft-Ziehen von 24 hohen Nazi-Funktionären für die von ihnen geplanten und durchgeführten Gräuel vor dem von den Alliierten ad hoc eingerichteten Internationalen Militärgerichtshof und damit nicht weniger als «das Ende des Kriegs», wie es nicht minder fulminant einmal heisst. Das Showhafte und Superlative hängt freilich nicht vollkommen in der Luft – es vermittelt vielmehr ein ganz gutes Gefühl für den Modus Operandi, für den sich Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt bei seinem fraglos ambitionierten und wohlintendierten Werk «Nuremberg» entschieden hat. Und das ist nicht als Kompliment gemeint. Es ist das im Gegenteil einer der (zahlreichen) Gründe, warum der auf dem Sachbuch «The Nazi and the Psychiatrist» (2013) Von Jack El-Hai basierende Film nicht funktioniert, dieser überlange, ziemlich verzettelte und tonal inkonsistente Film, der nie recht weiss, was er jetzt eigentlich sein will: Heldengeschichte? Charakterstudie? Psychothriller? Buddymovie? Justizdrama? Geschichtslektion? Mahnmal? Mahnung? Und bei dem man lange nicht sicher ist, was man denn nun von ihm halten soll: Ist das eine aufschlussreiche Gesamtschau dieses historischen Ereignisses? Oder doch ein dezent unverschämtes Unterhaltungsspektakel im Spielberg-Stil, das es auf die traditionelle Hollywood-Tour mit Pauken, Trompeten und satten Streichern probiert und seine Anliegen und Botschaften mit Brachialgewalt auf die Leinwand hämmert? Spätestens in dem aus dem Ruder laufenden dritten Akt wird klar: Es ist definitiv Letzteres.
 
Seelenklempner-Ass vs. Nazi-Narzisst
 
Am Ende ist «Nuremberg» vor allem die Geschichte zweier Narzissten: von Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe), der sich am 7. Mai 1945, dem letzten Tages des Zweiten Weltkriegs, in Österreich freiwillig in die Hände US-amerikanischer Soldaten begibt. Und von Douglas Kelley (Rami Malek), einem Armeepsychiater, der den Auftrag erhält, die mentale Verfassung der von den Alliierten gefangen gehaltenen Nazi-Strategen zu evaluieren – oder wie es der ruppige Colonel Andrus (John Slattery) gegenüber dem «hotshot headshrinker» formuliert: zu verhindern, dass nach Hitler, Goebbels und Himmler sich noch ein weiteres hohes Nazi-Tier das Leben nimmt – «das können wir uns nicht leisten». Kelley ist sogleich Feuer und Flamme und fabuliert bald einmal davon, dass sich hier die einmalige Chance, biete, herauszufinden, wie Menschen wie Göring zu dem geworden sind, was sie sind, «was die Deutschen von uns unterscheidet», und so «das Böse zu definieren», auf dass so etwas nie wieder geschehen könne. Ausschliesslich so hehr sind seine Absichten indes nicht. Stark motivierend wirkt sich bei ihm auch die Aussicht aus, ein Buch über seine Arbeit mit Göring zu verfassen und es so «zu etwas zu bringen», «jemand zu sein». Bei seinem Studienobjekt stösst er damit natürlich auf offene Ohren. «Wir werden Freunde werden», sagt Hitlers Nummer 2 nach der ersten Untersuchung durch seinen neuen Arzt. Der hat bei ihm nicht nur ein Herz-, sondern vor allem auch ein Drogenproblem festgestellt und ihn entsprechend sowohl auf Diät als auch auf Entzug gesetzt. Beides meistert Göring offenbar mühelos, und das mit der Freundschaft wird sich auch erfüllen, zumindest zwischenzeitlich, wenn Kelley meint, den Menschen hinter dem Monster zu erkennen, und allmählich die professionelle Distanz zu verlieren droht, indem er wiederholt Görings Frau und dessen Tochter besucht, ihm deren Briefe überbringt und mit ihm in der Zelle Zaubertricks übt und über Persönliches spricht. Nichtsdestotrotz bleibt Göring für Kelley ein Rätsel, wie er gegenüber dem Richter Robert Jackson (Michael Shannon) zugibt, der von seinem Amt am Obersten Gerichtshof entbunden worden ist, um bei den Nürnberger Prozessen als Chefankläger zu fungieren. Jackson ist die dritte Hauptfigur von «Nuremberg», und wenn er auf der Leinwand zu sehen ist, ist das nochmals ein ganz anderer Film, zumal in den ersten beiden Akten. Das sind dann Szenen, in denen schlaue Männer in Anzügen wortgewaltig über juristische Detailfragen und politische Implikationen dieses «logistischen Albtraums» debattieren, den dieser Prozess darstellt – bisweilen bekommt man da beinahe Aaron-Sorkin-Vibes. Die Showmänner und Selbstdarsteller haben hier Pause. Das aber geht dann auf Kosten von Fokus und Kurzweil.
 
Crowe spielt Malek k.o.
 
Die sich schleichend verändernde und sich zu regelrechten Psychospielen auswachsende Dynamik im Verhältnis zwischen Kelley und Göring ist das Spannendste, was «Nuremberg» zu bieten hat. Sie erinnert an das sehenswerte deutsche Josef-Mengele-Drama «Nichts als die Wahrheit» (1999) mit einem genialen Götz George. Wie dort bittet auch hier der Teufel zum intellektuellen Tanz und schafft es dabei beinahe, sein Gegenüber zu verführen. Hätte James Vanderbilt, der einst das psychologisch fundierte Skript zu David Finchers Serienkiller-Meisterwerk «Zodiac» (2007) schrieb und danach nur noch mit seiner bis hierhin einzigen Regiearbeit «Truth» (2015) etwas zu glänzen vermochte, einzig darauf seine Aufmerksamkeit verwendet – es wären ihm und uns einiges an Peinlichkeiten erspart geblieben. Zwar treten in den kammerspielartigen Szenen mit dem zum Glück nur anfangs Deutsch radebrechenden Schwergewicht Russell Crowe und dem mit den üblichen Ticks operierenden Rami Malek die mimischen Grenzen des Letzteren bisweilen schmerzhaft zutage. Aber wenigstens ist das meist nicht so platt, pompös und pathetisch wie der Bombast, den Vanderbilt uns auf seinen anderen Tummelfeldern ins Gesicht knallt, wo Figuren wie die comichaft überzeichneten übrigen Nazi-Schergen, bare Lächerlichkeiten wie eine Schlägerei zwischen rivalisierenden Psychiatern oder allzu oft auch die Dialoge einfach nur cringe sind, wie die Jungen sagen würden. Stirnrunzeln oder Naserümpfen verursacht zudem ein deplatzierter Humor, der in diesem uramerikanischen unbedingten Willen zur messerscharfen Schlagfertigkeit wurzelt. Und auch darstellerisch gibt es hier abseits von Crowe nicht viel zu bewundern. Michael Shannon macht halt Michael-Shannon-Sachen, John Slattery bellt laut und guckt böse, und der britische Grandseigneur Richard E. Grant bekommt als Anwalt an der Seite von Jackson nicht viel Spannendes zu tun. Einzig Youngster Leo Woodall («Bridget Jones: Mad About the Boy») setzt als Kelleys Übersetzer und Sidekick die eine oder andere Duftmarke. Apropos: Eine solche hinterlässt in der ersten Szene von «Nuremberg» auch ein US-Soldat, wenn er auf ein Hakenkreuz pinkelt. Es ist das in Sachen Subtilität ein guter Indikator für das, was noch folgen wird. Fairerweise muss man allerdings auch sagen, dass das dem Film nicht nur zum Nachteil gereicht. Dass Vanderbilt etwa das Wagnis eingeht, während des Prozesses einen fünfminütigen Zusammenschnitt von den Zuständen in den Konzentrationslagern in Originalaufnahme einzuspielen, erzielt den gewünschten Effekt und holt uns schlagartig in die grauenhafte Realität zurück, der sich sein Film anders als Stanley Kramers auf fiktive Charaktere setzendes starbesetztes Monumentalwerk «Judgment at Nuremberg» (1961) ja verschrieben hat. Auch die nicht übermässig hintergründig eingeflochtenen Verweise auf unsere von Autoritarismus und Nationalismus durchwucherte Gegenwart – so bei Görings Erklärung für seine Hitler-Bewunderung mit dem Satz «He made us feel German again» – sind durchaus willkommen: Die Zeit für Subtilitäten ist hier schliesslich zweifellos vorbei. Und dass die katholische Kirche für ihre Unterstützung des Dritten Reichs in aller Deutlichkeit ihr Fett abbekommt, darf sowieso sein. An kernig klaren Worten mangelt es in «Nuremberg» also nicht. Nicht immer lösen sie aber ein, was sie versprechen. So tönt Douglas Kelley nicht nur einmal, dass es niemanden auf diesem Planeten gebe, der Hermann Göring besser kenne als er. Schade bloss, dass der Film diese Erkenntnisse nur so begrenzt zu teilen bereit ist.