von Sandro Danilo Spadini
Er sei superintelligent, auf Genieniveau, aber auch ein vollkommener Idiot, heisst es einmal über diesen Jeffrey Manchester (Channing Tatum). Und alles, was wir zu diesem Zeitpunkt
von dem scheinbar so unauffälligen Mittdreissiger aus North Carolina gesehen und gehört haben, bestätigt diesen Befund vollauf. Auch sein bester Kumpel Steve (LaKeith Stanfield) hatte sich zuvor
ja schon in diese Richtung geäussert: Dinge richtig zu machen, sei nun mal nicht seine Superpower. Aber dafür habe er eine sensationelle Beobachtungsgabe und einen Röntgenblick. In Jeffreys
Alltag äussert sich diese einseitige Begabung so: Die einfachsten Verrichtungen kriegt er nicht gebacken. Gleichzeitig bringt er Sachen zustande, die einen mit offenem Mund dastehen lassen. Zum
Beispiel in wenigen Sekunden sämtliche Winkel eines Gebäudes zu erfassen. Um dann frühmorgens über das Dach in sie einzusteigen. Und so innerhalb eines Jahres 45 McDonald’s (und ein paar Burger
Kings und KFCs) auszurauben. Was dabei auch noch besonders ist: wie höflich der militärisch ausgebildete Jeffrey bei seinen Raubzügen vorgeht, wie er stets auf das Wohlbefinden der überfallenen
Angestellten bedacht ist und wie oft er sich dabei entschuldigt. Wie um alles in der Welt wird also so ein netter Typ ein Krimineller? Ein Kerl aus der Vorstadt, der nach eigenen Angaben eine
gute Kindheit genossen hat und mithin nicht den Eltern die Schuld zuschieben kann? Das werden wir uns zwar auch nach zwei Stunden mit ihm noch fragen. Aber Jeffrey versucht das jetzt aus dem Off
schon mal in Ansätzen zu erklären. Angefangen habe alles vor zwei Jahren, am sechsten Geburtstag seiner Tochter. Da habe er eine erste schlechte Entscheidung getroffen, die dann zu weiteren
schlechten Entscheidungen geführt habe. Was er damit eher nicht meint: seinem Mädchen statt des gewünschten Velos seinen eigenen 200-teiligen Baukasten geschenkt zu haben. Sondern: dass er sich
im Anschluss daran zu einem radikalen Neuanfang entschieden hat und schliesslich auf die Idee mit den Einbrüchen gekommen ist, um seiner Familie endlich ein anständig konsumfreudiges Leben bieten
zu können und sich nicht länger als kompletter Versager zu fühlen. Und siehe da: Schon ein Jahr darauf funkeln die Augen der Tochter, ist das Fahrrad da, ist er «der beste Daddy der Welt».
Freilich endet auch dieses Fest im Fiasko. Denn noch bevor die erste Runde auf dem Drahtesel gedreht ist, steht da schon die Polizei in seiner Garage, und ein, zwei Wimpernschläge später ist das
Urteil des Richters bereits gefällt: 540 Monate Haftstrafe, das wären dann 45 Jahre. Mit Betonung auf «wären». Schliesslich denkt Jeffrey nicht daran, seine Zeit abzusitzen. Und weil er eben
diese eine spezielle Begabung hat, fällt es ihm auch nicht allzu schwer, nur wenige Monate nach Haftantritt auszubrechen. Und jetzt beginnt der wirklich unglaubliche Teil dieser Geschichte.
Channing Tatum war noch nie so gut
Der unfassbare Teil einer um das Jahr 2004 herum spielenden wahren Geschichte notabene, wie eingangs von Derek Cianfrances schelmischer Gaunerkomödie
«Roofman»
kundgetan worden ist. Es ist das der erste Film des 51-jährigen Regisseurs nach nahezu zehn Jahren Kinoabstinenz, und es ist in mancher Hinsicht ein unerwarteter – und auf vielerlei anderen
Ebenen einer, der sich nahtlos in das noch recht schlanke Werk Cianfrances einfügt. Von der stacheligen Widerborstigkeit seiner frühen Meisterstreiche «Blue Valentine» und «The Place Beyond the
Pines» ist dieser lupenreine Publikumsschmeichler mit seinen sympathischen Figuren, dem charmanten Witz und dem lieblich-wohligen Soundtrack zwar ein gutes Stück entfernt; wie dort aber setzt
sich Cianfrance profund mit ungewöhnlichen Menschen, ihren Problemen, Sorgen und Gefühlen und vor allem ihren komplexen Beziehungen auseinander. Und einmal mehr treibt er dabei seine Stars zu
Höchstleistungen an. Bei Channing Tatum, diesem oft – und oft mit einem gewissen Recht – belächelten und meist auf sein Äusseres reduzierten Beau, resultiert dies gar in einer
Karrierebestleistung: Er hat nicht nur stets alles unter Kontrolle und trägt den Film flott und flink auf seinen breiten Schultern; kaum hat er seine Sturmmaske beim ersten Überfall abgestreift,
hat er auch schon unser Herz erobert. Und er wird es nicht mehr hergeben in den kommenden zwei Stunden, wiewohl wir ein ums andere Mal den Kopf schütteln müssen ob der Entscheidungen, die sein
Jeffrey trifft. Doch wie Ryan Goslings Figur in «The Place Beyond the Pines» tut er das ja nicht für sich, sondern für seine Familie, seine Kinder – und so einem kannst du einfach nicht böse
sein. Ist auch die fromme (und unwissende) Toys-‘R’-Us-Verkäuferin Leigh (Kirsten Dunst) nicht, die sich bald in Jeff (respektive John, wie er sich nun nennt) verliebt und sich ihn immer wieder
gern heim zu ihren beiden unterschiedlich begeisterten Töchtern (Lily Collias und Kennedy Moyer) holt. Dies, nachdem sie von dem vermeintlichen Undercover-Agenten, der sich seit Wochen an ihrem
Arbeitsplatz versteckt, mit den besten Absichten ausspioniert worden ist und dieser sich Mal um Mal als gute Fee betätigt hat, etwa indem er auf dem Computer ihres machtgeil-schikanösen Chefs
(brillant: Peter Dinklage) den Schichtplan zu ihren Gunsten abgeändert hat. Jeffrey und Leigh: Das entpuppt sich als veritables Traumpaar, und die durch die Decke gehende Chemie zwischen Tatum
und Dunst ist das Fundament, auf dem «Roofman» ruht.
Vom Komischen ins Tragische – und zurück
Im Stil und im Ton und auch von der (Spitzen-)Klasse her erinnert Cianfrances Film stark an Richard Linklaters «Hit Man», eine ebenfalls wahre Geschichte um einen normalen Typen, der in zutiefst
abnormale Ganovengefilde abdriftet. Will heissen: Es ist das eine grösstenteils heitere Angelegenheit voller Pep und Esprit, mit charmanten Charismatikern und schönen Schlawinern, die einem ein
konstant freudiges Schmunzeln ins Gesicht zaubert und bisweilen in herzhaftes Gelächter ausbrechen lässt. Denn da wie dort haben die Umstände, in denen sich der Protagonist tummelt, etwas
dermassen Komisches, dass es gar nicht so viel des Zutuns bedarf, um die gewünschte Wirkung herauszukitzeln. Nichtsdestotrotz schlachtet Cianfrance diese Situationskomik genüsslich aus, wenn er
Jeffreys nächtliche Eskapaden im verwaisten Spielzeuggeschäft zelebriert oder ihn nach Wochen des exzessiven Konsums von aus den Toys-‘R’-Us-Regalen stibitzten M&M’s mit vierzehn Löchern zum
Zahnarzt schickt. Das Dilemma oder besser die Dilemmas, in denen Jeffrey gefangen ist, schlummern dabei freilich immer im Hintergrund. Und wenn sie dann ins Zentrum rücken, ist das nach all der
guten Zeit umso schmerzhafter, und es erinnert uns mit voller Wucht daran, dass das hier richtige Menschen sind und sie auf zwar geradezu skurrilen, aber auch tragischen Pfaden wandeln.
Cianfrance, der sich in seinen bisherigen fünf Filmen stets als Menschenkenner mit viel Verständnis für die Unzulänglichkeiten seiner Protagonisten präsentiert hat, verliert das nie aus den
Augen: nicht in den flapsigen Momenten (etwa mit LaKeith Stanfield und Juno Temple als im Motel hausendes Gaunerpaar), nicht in den bizarreren Szenen (wenn Ben Mendelsohns Pastor mal wieder ins
Mikrofon schmachtet), nicht in den romantischen Minuten, die er Jeffrey und Leigh gönnt, wenn er sie durch die malerischen Gegenden von Charlotte schlendern oder sie einfach ein stinknormales
uramerikanisches Vorstadtleben leben lässt. Dass er dabei ins Sentimentale abdriftet, muss man bei ihm nicht befürchten. Um uns wieder und wieder anzurühren, braucht dieser gewiefte Autorenfilmer
keine Pauken und Streicher. Höchstens mal ein quietschbuntes Outfit und ein schnuckiputziges Stofftier.