Um die Ecke denken? Um die Ecken bringen!

Die so kurzweilige wie leichtfüssige Kriminalkomödie «How to Make a Killing» ist auch ein durchaus zeitgeistiger Abgesang auf den amerikanischen Traum. Vor allem aber ist sie ein Vehikel für ihre aufstrebenden und einmal mehr herrlich funkelnden Stars.

Zar Amir-Ebrahimi im Film Holy Spider

Pathé Films AG

von Sandro Danilo Spadini

Und wieder eine Hochstaplergeschichte also. Was das wohl über den Zeitgeist aussagt, dass derzeit Filme über kleine Leute Hochkonjunktur haben, die den Grossen und Mächtigen mit Bauernschläue ein Schnippchen schlagen? Vermutlich einiges darüber, dass man in der Welt von heute nicht länger gewillt ist, den amerikanischen Traum zu träumen: dieses Märchen zu glauben, dass man es mit harter Arbeit weit bringen kann und dass man irgendwann auch zu denen da oben gehören könnte. Gleichzeitig wird dieses Phänomen, das zuletzt der multiple Oscar-Kandidat «Marty Supreme» besonders eindrücklich zelebriert hat, natürlich auch recht profane Gründe haben: Hollywood hat einfach gemerkt, dass solche Geschichten ziehen, und wenn Hollywood so was merkt, schmeisst es halt immer mehr vom Gleichen auf den Markt und schleudert jede erdenkliche Variation dieser Erfolgsformel auf die Leinwand, auf dass es kein Entrinnen mehr gibt und das Phänomen sich am Ende gleichsam selbst füttert. In aller Regel ist das ein durchaus lamentables Ritual. Dieses Mal allerdings nimmt man es gerne hin. Denn Filme wie jetzt «How to Make a Killing» machen nun mal Freude. Schelmische Freude.
 
Ein Misthaufen von Ekelpaketen
 
Dabei ist das, was Regisseur und Co-Drehbuchautor John Patton Ford («Emily the Criminal») hier zeigt, eigentlich ziemlich traurig. Und schauderhaft. Und krank. Und damit mithin so wie die Welt von heute. Zumal die Welt von Leuten wie den Redfellows, einer Familie aus Long Island, deren Vermögen auf 28 Milliarden Dollar geschätzt wird. Und auf dieses Vermögen erhebt der in ärmlichen Verhältnissen in einem Vorort von New Jersey aufgewachsene Becket Redfellow (Glen Powell) nun mit hammerharter Vehemenz Anspruch. Denn gekostet von den süssen Früchten, die eine solche finanzielle Rundum-sorglos-Saat spriessen lässt, hat der Jungspund bislang noch rein gar nichts. Und das, obwohl ihm damals seine von ihrer Familie verstossene Mutter auf dem Totenbett gepredigt hatte, er solle kämpfen wie ein Country-Club-Salonlöwe um das Leben, das ihm qua Geburt zusteht. Lange wollte Becket davon freilich nichts wissen. Doch dann stöckelt eines lauen Tages seine Angebetete aus Kindheitstagen in das Männerbekleidungsgeschäft in New York, in dem er recht zufrieden mit sich seine Bagels verdient. Und diese Julia (Margaret Qualley) scheint zwar noch immer die dünkelhafte Rich-Kid-Göre von ehedem zu sein; gleichwohl flirtet sie reichlich keck mit dem sich auf einmal dumm und wertlos verkommenden Becket. Und da vollzieht sich dann der Sinneswandel, und in dem eben noch so braven, fast biederen Durchschnittstypen reift ein nachgerade diabolischer Plan: Er wird sich in der Redfellows-Erbfolge aus hoffnungslos abgeschlagener Position nach ganz oben morden. Sieben Verwandte gilt es damit um die Ecke zu bringen. Und wenn man sich diesen verkommenen Misthaufen aus Ekelpaketen kurz anschaut, dann möchte man Becket zurufen: Auf gehts und viel Glück! Denn einen Verlust würde das Ableben weder des nichtsnutzigen Frat-Boy-Cousins Taylor (Raff Law) darstellen noch des jämmerlichen Stümperkünstler-Cousins Noah (Zach Woods) noch des kriminellen Selbsthilfeguru-Onkels Steven (Topher Grace) noch der zickigen Pseudomenschenfreundin-Tante Cassandra (Bianca Amato) noch des selbstbezogenen Abenteurer-Onkels McArthur (Alexander Hanson) und schon gar nicht des total soziopathischen Patriarchen-Grossvaters Whitelaw (Ed Harris), der Beckets Mutter wegen ihrer Schwangerschaft als 18-Jährige vom Hof gejagt und sodann jeglichen Kontakt gekappt hatte. Einzig um Onkel Warren (Bill Camp) wäre es schade. Er nämlich gibt Becket in seiner Wall-Street-Investmentbude einen Job und eine Chance, die sein Neffe denn auch prompt zu nutzen weiss. In Kürze klettert er, gänzlich ohne Nepo-Bonus, die Hierarchieleiter hoch und hat im Grunde ein absolut befriedigendes Auskommen, als das Morden so richtig losgeht. Und nicht nur das: Von Cousin Noah hat er auch gleich noch die Allerliebste übernommen, die bodenständige Lehrerin Ruth (Jessica Henwick), mit der es auch wirklich prächtig läuft. Warum also weitermachen? Warum das alles aufs Spiel setzen? Ist es die Gier? Lechzt er nach Rache? Oder gehts um Gerechtigkeit?
 
Charmantes Schaulaufen der Stars
 
So richtig klar wird das in den knapp über hundert Minuten von «How to Make a Killing» zwar nicht – auch wenn der Film damit beginnt und (fast) endet, dass Becket im Todestrakt einem Priester seine Geschichte weniger beichtet als vielmehr in saloppem Ton genüsslich darbietet. Aber das ist auch nicht der springende Punkt. Regisseur John Patton Ford geht es hier nicht darum, das Psychogramm eines Wahnsinnigen zu entwerfen. Er möchte Spass haben – so wie man das in der schwarzhumorigen britischen Alec-Guinness-Show «Kind Hearts and Coronets» aus dem Jahr 1949 hatte und in dessen Vorlage «Israel Rank: The Autobiography of a Criminal» von 1907, von denen sein Film zumindest inspiriert ist. Und er möchte seinen aufstrebenden Stars grosszügig Auslauf geben und sie auf ein ausgedehntes Schaulaufen schicken. Das muss man einem Glen Powell natürlich nicht zweimal offerieren. Zackig nutzt der schneidige Texaner auch diese Chance, um seinen Anspruch als Superstar in spe mit Charme und Schalk zu untermauern. Und ebenso wenig zaudert Margaret Qualley; nach ihren jüngsten Glanzauftritten in dem Ethan-Coen-Klamauk «Honey Don’t» und dem Richard-Linklater-Kammerspiel «Blue Moon» strahlt sich hier abermals, diesmal indes in einer eher radioaktiven Weise. Und was den Fun-Faktor angeht, da macht Ford auch keine Gefangenen. Mehr Schmunzler-Remmidemmi denn Brüller-Festival, klappert der Plot in flottem Galopp die stets adrett ausgeschmückten Stationen von Beckets kühner Höllenfahrt ab und hat dabei stets ein kleines Schmankerl zu kredenzen: sei es ein besonders geglückter Gastauftritt, sei es eine speziell raffinierte Mordmethode. Mit dem Turbosarkasmus und der Gesellschaftskritik übertreibt es Ford hingegen nicht – das wäre dem Spass dann doch etwas abträglich. Und irgendwie ist man am Ende sogar dankbar dafür. Einfach für eine kurze Weile leichtfüssig unterhalten zu werden – das muss gerade dieser Tage doch auch mal drinliegen.