Geschüttelt, aber nur ein bisschen gerührt

«The Testament of Ann Lee» ist ein von Grund auf seltsamer Film über eine von Grund auf seltsame religiöse Bewegung. Visuell oft verzaubernd und in der Titelrolle intensiv gespielt, entpuppt er sich als entrückt-abgehobenes Historiendrama mit starkem Musicaleinschlag, das arg gesprächig und repetitiv daherkommt.

Zar Amir-Ebrahimi im Film Holy Spider

Searchlight Pictures

von Sandro Danilo Spadini

Es ist nun wirklich kein einfaches Unterfangen, das sich die norwegische Regisseurin Mona Fastvold da aufgehalst hat: die Geschichte der Religionsführerin Ann Lee und die Entstehung ihrer Shaker-Bewegung im 18. Jahrhundert auf die Leinwand zu bringen. Klingt ähnlich süffig wie ein Film über den Werdegang eines fiktiven österreichisch-ungarischen Architekten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – sprich: wie «The Brutalist», dieses monumentale Drama, das im Vorjahr völlig zu Recht für zehn Oscars nominiert war und zu dem Fastvold zusammen mit ihrem Regie führenden Partner Brady Corbet das Drehbuch beigesteuert hat. Unmöglich wäre es mithin nicht gewesen, aus «The Testament of Ann Lee» trotz der sperrigen Thematik einen hochinteressanten und halbwegs unterhaltenden Film zu machen. Gelungen ist es der vergleichsweise jungen und unerfahrenen Regisseurin aber leider nicht. Und das, wiewohl es hier fraglos einiges zu mögen, zu schätzen und gar zu bewundern gibt in diesen sich ziemlich ziehenden 130 Minuten, in denen manches passiert, worüber man verdutzt die Augen reibt, aber eben auch manch anderes, worüber man mit den Schultern zuckt oder die Nase rümpft.
 
Auf nach Amerika!
 
Die dornenreiche Geschichte der Ann Lee (Amanda Seyfried), der von ihrer Anhängerschaft später als «weiblicher Christus» gehuldigt werden sollte, beginnt am 29. (!) Februar 1736 in einem Armenviertel von Manchester. Geboren als zweitältestes von acht Kindern, habe sie schon früh nicht von Spielzeug geträumt, sondern «himmlische Visionen» gehabt, tut uns die Erzählerin (Thomasin McKenzie) mit gebührender Ehrfurcht kund. Eine fröhliche Kindheit ist das indes nicht. Dafür ist der gestrenge Vater besorgt. Dessen Hiebe schmerzen sie zwar nicht so sehr. Aber dass er des Nachts an der Mutter keuchend seine fleischlichen Gelüste auslebt, erfüllt die halbwüchsige Ann mit Ekel und lässt in ihr die Gewissheit reifen, hier Zeugin der ultimativen Sünde geworden zu sein. Es ist das eine Anschauung, die sich später in ihrer vom frühen Tod sämtlicher vier Kinder geprägten Ehe mit dem geil Peitschen knallenden und Oralsex einfordernden Gatten (Christopher Abbott) versteifen und endlich ihre Lehre prägen wird. Eine Lehre, die sich durch ekstatischen Gesang und schüttelnden Tanz auszeichnet und die sie nach zwischenzeitlicher Inhaftierung und stetig eskalierenden Anfeindungen als fundamentalistische Shaker-Bewegung im Jahr 1774 nach Amerika tragen wird. Als das geschieht, sind wir am Beginn des zweiten Teils des Films, der den Titel «Frau» trägt; vorangegangen war das Kapitel «Kind», folgen wird noch «Mutter». Es ist das also auch die Geschichte eines Reifeprozesses – mit einer Betonung des spezifisch Weiblichen. Und das ist nur konsequent. Denn Ann Lee wurde nicht nur ihrer Überzeugungen wegen verfolgt, sondern nicht zuletzt auch deshalb, weil sie eine Frau war – eine Hexe! Ohnehin kann man Fastvolds Film nicht mangelnde Konsequenz vorwerfen: Sehenden Auges und mit pochendem Herzen gleicht er sich seinen Protagonisten nach und nach an und endet so wie die Shaker-Bewegung in einem Stadium, das beseelt ist von einer von Grund auf seltsamen Einzigartigkeit. Während Ann und ihre Jünger in entzückte Entrückung abgleiten, hebt denn auch der Film ab, landet dabei indes in schwer fassbaren fernen Sphären und kapselt sich so allmählich emotional vom Publikum ab. Schlimmer noch: So mitfühlend-wohlwollend er seiner Heldin auch gegenübersteht und sowenig er an den augenfälligen Widersprüchen interessiert ist, die auch ihrer Lehre innewohnen – er kann die unfreiwillige Komik, die diesem Zucken, Japsen und Stöhnen der gottesfürchtig Durchgeschüttelten anhaftet, nicht ganz vertreiben. Ja bei der ein oder anderen der sich im Filmverlauf häufenden ekstatischen musikalischen Szenen kommen einem gar Zweifel, ob man das auch wirklich auf dem Schirm hatte. Überhaupt wirken die – notabene filigran choreografierten und fulminant inszenierten – Musicaleinlagen mit der Zeit vor allem repetitiv, auch wenn sich der Film in seinen besten Momenten im Rhythmus der sphärisch-lieblichen Musik bewegt. Anderes hingegen kommt in herbem Widersinn zum Tänzerischen fürchterlich hüftsteif daher. Und, Amen, die Kulissen wirken bisweilen hochgradig artifiziell und allzu akkurat auf Armut und Elend gebürstet.  
 
Amanda Seyfried in Galaform
 
Bei aller visuellen Pracht mit dem ganzen Zeitlupen-Zauber und bei aller Intensität, die die (nur) für den Golden Globe nominierte Amanda Seyfried in die Waagschale wirft: So richtig beim Schopfe zu packen und alsdann in Bann zu ziehen vermag dieses absolut lobenswert waghalsige Unikat von einem Film einen nie je. Und das liegt am Ende eben auch wieder in der Natur der sperrigen Sache. So eine spirituelle Findungsphase zu zeigen, kann nun mal zäh sein. Und das damit einhergehende Philosophieren und Argumentieren fällt folglich nur dann auf fruchtbaren Boden, wenn es mit ausreichend Verve vorgetragen wird. Das ist aber in «The Testament of Ann Lee» gerade nicht der Fall – auch weil Fastvold sich anders als ihre Protagonisten dann doch nicht vollends der Ekstase hingibt und all-in geht. Freilich ist das fromme Gerede längst nicht so dröge wie die endlosen Beratschlagungen über alltägliche Verrichtungen, die dem wegen seiner ewig gleichen dramaturgischen Muster ohnehin lahmenden und sonst schon sehr gesprächigen Film noch den letzten Drive rauben. So können dann auch die himmelschreiend tragischen Ereignisse im Schlusskapitel nie ganz die angestrebte Wucht und die angemessene Wirkung entfalten. Das ist natürlich schade, sehr schade sogar. Denn Mona Fastvold hat hier eine wahrhaft einzigartige Erfahrung geschaffen. Ein Kinoerlebnis allerdings, das einen wohl schüttelt, aber nur bedingt rührt. Und eine Tour de Force, die trotzdem nicht allzu lange nachhallt, geschweige denn übermässig freudvoll ist.