Und plötzlich: Irrsinn

In ihrem nervenzerfetzenden, militärisch disziplinierten Echtzeit-Politthriller «A House of Dynamite» geht Starregisseurin Kathryn Bigelow vom Schlimmsten aus. Das jagt einem zwar eine Heidenangst ein – nötigt aber gehörigen Respekt ab.

Netflix

von Sandro Danilo Spadini

Vielleicht ist das Kino am Ende doch ein Zufluchtsort – eine Schranke sozusagen, hinter der die Schrecken der Realität nichts zu suchen haben. Das jedenfalls könnte man meinen mit Blick auf das Szenario eines Atomkriegs: eine Bedrohung, die zeitweise ja durchaus real war, auf der grossen Leinwand allerdings kaum je ausbuchstabiert worden ist. Natürlich gab es Stanley Kubricks «Dr. Strangelove» (1964), wo der Horror freilich satirisch gebrochen wurde, und im selben Jahr auch noch Sidney Lumets Kammerspiel «Fail Safe»; 20 Jahre später, als der Kalte Krieg sich wieder bedrohlich erhitzt hatte, folgten im Fernsehen dann «The Day After» und «Threads», zwei zweifellos beeindruckende und ungemein unheimliche Werke. Aber angesichts der monumentalen Bedeutung dieses Themas ist das doch eine reichlich spärliche Ausbeute – in den letzten 40 Jahren haben sich diesbezüglich mit dem Tom-Clancy-Kracher «The Sum of All Fears» und der TV-Produktion «Deterrence» gar nur zwei weitere Streifen ein Plätzchen in den hinteren Winkeln der kollektiven cineastischen Erinnerung ergattern können. Das nun mag auch dafür sprechen, dass die nukleare Bedrohung seit dem Untergang der Sowjetunion an Dringlichkeit eingebüsst hat. Aber wenn das so ist, dann muss es auch als Zeichen der Zeit und Ausdruck der gegenwärtigen geopolitischen Lage gewertet werden, dass nun mit Kathryn Bigelows «A House of Dynamite» ein Film auf die Leinwand respektive den Netflix-Bildschirm kommt, der den Trend auf geradezu schmerhafte Weise bricht. Und mit Realitätsflucht ist hier definitiv nicht zu rechnen. Denn dies ist keine Übung.
 
Es gibt keine smarten Antworten mehr
 
Geschildert wird mehr oder minder in Echtzeit und in drei Kapiteln aus drei verschiedenen Perspektiven ein nuklearer Anschlag auf die Millionenmetropole Chicago: Minutiös, rigide, kontrolliert und mit gleichsam militärischer Disziplin geht Bigelow dabei vor – und zerfetzt einem damit einmal mehr die Nerven. «Have a nice day», steht in Leuchtschrift auf einem Bus im Washingtoner Morgengrauen. Wie zum Hohn, wie sich weisen wird. Denn einen netten Tag wird hier niemand haben. Schon gar nicht die Geheimdienstanalystin Olivia Walker (Rebecca Ferguson), die Heldin des mit «Inclination Is Flattening» überschriebenen ersten Teils. Sie wird bald nach ihrer Ankunft im White House Situation Room mit einem Szenario konfrontiert, für das zwar fraglos ausgiebig trainiert worden ist, das aber eigentlich niemand wirklich auf dem Schirm hat: Der Raketenabwehrstützpunkt in Fort Greely, Alaska, hat eine unidentifizierte Interkontinentalrakete über dem Nordwestpazifik geortet, die auf das amerikanische Festland zurast. «In einer Minute wird das vorbei sein», beschwichtigt Walker zunächst zwar noch. Doch stattdessen springt der Alarmzustand der US-Streitkräfte nach nur 15 Filmminuten von DEFCON 4 auf DEFCON 2: die Vorstufe zum Nuklearkrieg. 19 Minuten bleiben nach Berechnungen noch bis zum Einschlag des Sprengkörpers in Chicago. Zehn Millionen Tote wird es geben, so die Kalkulation. Aber noch bleibt etwas Zeit. Und Hoffnung. Schliesslich verfügen die USA über ein 50 Milliarden Dollar teures Abwehrsystem. Keine Panik also. Sollte man meinen. Müsste man meinen. Will man meinen. Doch es kommt anders. Es kommt: DEFCON 1. Und eine Situation, in der auch der vife junge stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Jake Baerington (Gabriel Basso), der Protagonist des zweiten Teils mit dem Titel «Hitting a Bullet with a Bullet», keine smarten Antworten mehr hat. Denn weder ist klar, wer die Rakete abgefeuert hat, noch, ob das schon das Ende des Schreckens ist oder weitere Geschosse folgen werden. Gegen wen sich ein Vergeltungs- oder eben ein allfälliger Präventivschlag richten soll, bleibt so reine und nichts weniger als weltbedrohliche Spekulation. Für den so jovialen wie kampflustigen General Anthony Brady (Tracy Letts) ist ein schneller Gegenangriff zwar alternativlos, zumal sein Team Mobilmachungen in China, Russland, Nordkorea, Pakistan und im Iran beobachtet hat. Doch der Präsident (Idris Elba), der im mit «A House Full of Dynamite» betitelten dritten Teil in den Fokus rückt, zögert. Ihn ereilt die Horrornachricht ähnlich wie weiland George W. Bush bei seinem Schulbesuch am 11. September 2001, während er vor Highschool-Schülern Basketballwürfe vollführt. Es stellt sich ihm die Frage, welches die am wenigsten schlechte aller desaströsen Optionen ist. Für ihn ist das alles Irrsinn, für General Brady die Realität. Und was es auch sein mag: das Ende.
 
Letztlich sind sie auch nur Menschen
 
In ihrem ersten Film seit acht Jahren geht Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow aufs Ganze und stellt uns vor die Frage: Wollen wir diesen Film jetzt gerade sehen? Respektive sollen wir ihn eingedenk der wieder akuter gewordenen Bedrohungslage vielmehr sogar sehen? Nicht ganz einfach zu beantworten. Jedenfalls ist «A House of Dynamite» ein Film, der einem eine Heidenangst einjagt. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil er bei allem militärischen Jargon und allen technischen Erläuterungen nicht im Abstrakten verharrt, sondern uns in ein eiskalt-feuerheisses Wechselbad schickt, indem er uns stetig aufs Neue vor die ungläubigen Augen führt, was wir zu verlieren haben. So stehen zu Beginn eines jeden Segments noch nicht die geopolitischen Implikationen im Vordergrund, sondern die urmenschlichen Freuden und Sorgen der Protagonisten: Olivias Sohn hat hohes Fieber, ihr engster Mitarbeiter (Malachi Beasley) bereitet sich auf einen Heiratsantrag am Abend vor; Jakes Gattin ist im sechsten Monat schwanger, die Nordkorea-Expertin Ana (Greta Lee) besucht mit ihrem Spross die Nachstellung der Schlacht von Gettysburg; der Präsident ist erschöpft, die First Lady (Renée Elise Goldsberry) weilt in Kenia, Verteidigungsminister Baker (Jared Harris) telefoniert mit seiner entfremdeten Tochter (Kaitlyn Dever). Wir lernen da eine Vielzahl von Menschen in Anzügen und Uniformen kennen, die sogleich Entscheidungen treffen müssen, die kein Mensch treffen sollte, die im Auge der ultimativen Katastrophe in Dilemmas geraten, die niemand auflösen kann, die Profis sind, die Besten ihres Fachs – und am Ende auf diesem Blindflug ebenso rat- und ahnungslos sind, wie es jeder von uns wäre. Wir hören auch von der ausgefeiltesten Technologie der Welt, Abermilliarden teuer, aber letztlich stösst auch sie an ihre Grenzen und hat ihre Tücken, sodass es unter dem Strich laut Verteidigungsminister Baker auf einen Münzwurf hinausläuft, ob sie tatsächlich den Schutz zu bieten vermag, den wir als selbstverständlich hinnehmen. Und weil es keinen Plan B gibt, wie uns Admiral Mark Miller (Jason Clarke) unverblümt verkündet, und weil die Gefühlslage all dieser so wichtigen Menschen auf den Videokonferenz-Bildschirmen, an den Telefonen und in den diversen Krisenräumen in Windeseile von blosser Besorgnis in pure Panik eskaliert, bröckelt auch unser Vertrauen schnell, kracht schliesslich in sich zusammen und weicht der Erkenntnis: Die Sicherheit, in der wir uns wiegen, sie ist eine Illusion. Nein, «A House of Dynamite» ist nicht der Film, den wir jetzt gut gebrauchen können. Oder eben gerade doch – wie man es nimmt.